Touristischer Mehrkampf – kein Sport für Stubenhocker

Also erst mal vorneweg: diese (scheinbar typische DDR-) Sportart hatte nichts mit Tourismus im Sinne von Reisen zu tun und erst recht nichts mit dem Kampf um den besten Platz am Buffet 😉

„Touristischer Mehrkampf“ – ich weiß nicht mehr genau, wann genau ich mit diesem Sport angefangen habe, ich glaube es war in der 5. Klasse. Auf jeden Fall hat es mir von Anfang an Spaß gemacht.

Wir waren eine Mannschaft aus vier gleichaltrigen Mädchen. Das Alter spielte insofern eine Rolle, da man bei Wettkämpfen in Altersklassen (z.B. weibliche Jugend A oder B) eingeteilt wurde. Und wir wollten an Wettkämpfen teilnehmen. Gut wollten wir auch sein, deshalb trafen wir uns nach der Schule einmal wöchentlich zum Training, vor Wettkämpfen auch öfter. Neben Lauf- und Ausdauertraining wurde auch viel gelernt, z.B. Erste Hilfe, heimatkundliche und topografische Aufgaben, Umgang mit Karte und Kompass, Luftgewehrschießen u.a.

Zuerst fanden Wettkämpfe auf Kreisebene statt. Die Sieger in jeder Altersklasse weiblich bzw. männlich durften an den Bezirksmeisterschaften teilnehmen. Wer dort gewonnen hatte, kam in den Endausscheid – die DDR-Meisterschaft.

Die Wettkämpfe bestanden aus einer Art Orientierungslauf durch ein unbekanntes Gelände. Vor dem Start bekam die Mannschaft eine Landkarte ausgehändigt, die eher spärlich gezeichnet und nicht immer besonders aktuell war sowie eine Laufkarte. Auf der Landkarte waren sogenannte „Kontrollpunkte“ eingezeichnet, die irgendwo verteilt im Gelände lagen, die es zu finden galt und an denen die Mannschaft unterschiedliche, der Altersklasse entsprechende Aufgaben erfüllen musste. Im Prinzip waren es Stationen, „Kontrollpunkte“ (KP) hörte sich scheinbar professioneller an 😉

Für die Erfüllung der Aufgaben gab es Punkte. Je besser man war, umso mehr Punkte wurden in der Laufkarte eingetragen. Die jüngeren Altersklassen hatten weniger Kontrollpunkte anzulaufen und etwas einfachere Aufgaben zu erfüllen. Je höher die Altersklasse, umso anspruchsvoller waren die Aufgaben und die Zahl der Kontrollpunkte (KP)nahm zu.

Ziel war es, in möglichst kurzer Zeit alle Kontrollpunkte (KP) im Gelände zu finden, die Aufgaben dort mit höchst möglicher Punktzahl zu erfüllen und zurück zum Ausgangspunkt zu laufen. Start und Ziel waren der gleiche Punkt. Es blieb der Mannschaft überlassen, in welcher Reihenfolge die KP angelaufen wurde. Wir konnten mit Karte und Kompass umgehen, nach Marschrichtungszahl laufen und uns auch in fremdem Gelände gut orientieren.

Der Start der Mannschaften erfolgt in Abständen von ca. 15 min.

Die Aufgaben an den Kontrollpunkten waren:

– Luftgewehrschießen – oft lag dieser Kontrollpunkt gleich am oder kurz nach dem Start, weil nicht genug Gewehre da waren, um jeder Mannschaft eins mitzugeben

– Zelt aufbauen (das musste mit rum geschleppt werden)

– Flugbilder von Vögeln erkennen

– Entfernungen schätzen

– Hindernisstrecken überwinden (kriechen, hangeln über Schluchten oder Gewässer, Balancieren über Baumstämme, Hindernisse überwinden, also teilweise ähnlich wie Sturmbahn …)

– Erste Hilfe (Brüche notdürftig schienen mit Naturmaterialien, Tragen aus Naturmaterial herstellen, eine „verletzte“ Person über eine Strecke transportieren, stabile Seitenlage, andere Verletzungen versorgen, theoretische Fragen beantworten … die ganze Palette halt)

– Himmelsrichtung ohne Kompass bestimmen

– Pflanzen bestimmen, Blätter den Bäumen zuordnen, Giftpflanzen erkennen

– Suchaufgaben, z.B. bestimmte Pflanze in unmittelbarer Nähe des KP finden

– Fragen zur Lebensweise oder Besonderheiten von Waldtieren, besonders unter Naturschutz stehender Tiere

Bestimmt gab es noch mehr Aufgaben an den KP, die fallen mir im Moment aber nicht ein. Wichtig war es, die Kraft gut einzuteilen, denn in der Regel war man schon (je nach Altersklasse) anderthalb bis zweieinhalb Stunden straff unterwegs. Es kam auch vor, dass man einen KP nicht gefunden hat, dann fehlten natürlich am Ende die Punkte, dafür konnte man durch einen Spurt zurück zum Ausgangspunkt Zeit rausholen.

An zwei Wettkämpfe kann ich mich besonders gut erinnern.

Der eine Wettkampf war genau an dem Tag, an dem ich mich an der Pädagogischen Fachschule in Schmalkalden zum Aufnahmetest einfinden sollte.

Auf den Wettkampf wollte ich nicht verzichten, schließlich konnte ich doch meine Mannschaft nicht hängen lassen und überhaupt hatte ich darauf wesentlich mehr Lust als auf den Test.

Da ich erst etwas später in Schmalkalden dran war, nahm ich also erst an dem Wettkampf teil. Wir waren schnell wie noch nie, hetzten wie von der Tarantel gestochen durch den Wald, da ich unter absolutem Zeitdruck stand. Die Siegerehrung habe ich verpasst, zu dem Zeitpunkt versuchte ich mich auf der Rückbank unseres Trabbis so halbwegs zu restaurieren 😉 Meine Eltern hatten FDJ-Bluse, Rock und Wäsche mitgebracht, waschen konnte ich mich vorher nur notdürftig. Ich musste ja nur zusehen, dass jene Körperstellen sauber waren, die nicht von der Kleidung bedeckt waren, ging halt an dem Tag nicht anders.

Während ich mich mit meinen langen Beinen auf der Rückbank halb verrenkte, las mir meine Mutti vom Beifahrersitz her aus der Zeitung das aktuell politisches Geschehen vor, weil wir dazu auch interviewt werden sollten – stöhn. Darin war ich nicht besonders fit, weil ich es ja nie von mir aus las. Wir kamen pünktlich in Schmalkalden an, ich musste sofort ins „Aktuellpolitische Gespräch“ (somit hatte ich das wenigstens hinter mir) Es fand allein mit einer Lehrerin in einem winzigen Zimmerchen statt (wo ich doch eh schon schwitzte wie sonst was). Sie freute sich sehr über meine frische Hautfarbe (ich kam mir eher wie ein frisch gekochter Hummer vor). Ich erzählte ihr, dass ich grad von einem Wettkampf kam, was sie sehr spannend fand. und worin ich mich wenigstens auskannte und souverän auftreten konnte. Letztendlich drehte sich unser ganzes Gespräch nur um dieses Thema, worin ich mich, im Gegensatz zur Politik, wenigstens auskannte und souverän auftreten konnte. In nullkommanix war meine viertel Stunde rum – hatte ich ein Schwein gehabt!

Dann musste ich noch in ein paar andere Räume und zum Schluss noch zum musischen Test gemeinsam mit ein paar anderen Bewerberinnen, aber da brauchte ich nur eine Oktave von oben nach unten und von unten nach oben zu singen, dann war ich erlöst und fix und fertig. Jedenfalls habe ich nach ein paar Wochen den Bescheid bekommen, dass ich angenommen worden bin.

Der Zweite Wettkampf mit sehr hohem Erinnerungswert fand auf Bezirksebene statt. Damals hatten wir uns so richtig im Gelände verfranzt. Es war sehr heiß an dem Tag und zu allem Übel gerieten wir auch noch in morastiges Gelände. Zum Glück hatten wir die meisten KP angelaufen und hohe Punktzahl erreicht. Uns schien es, als ob die Landkarte nicht stimmte. Wie auch immer, irgendwann landeten wir auf einer Lichtung im Wald, von dort hörten wir Stimmen. Wir waren schon darauf gefasst, unerwartet den noch fehlenden KP entdeckt zu haben. Als wir näher kamen saßen da ein paar Jungs so in unserem Alter und machten Picknick. Uns tropfte schon lange der Zahn, vor allem hatten wir einen heiden Durst. Es gab auch was zu trinken, allerdings nur aus dem Fässle – oh oh! Aber Durst ist schlimmer als Heimweh und so ein Schlückchen Bier hat noch keinem geschadet. Wir brauchten gar nicht viel zu trinken, da wurde uns schon sehr lustig zumute. Es wurde ein bisschen geflirtet und sogar Adressen ausgetauscht. Der Durst war gestillt, der Rückweg wurde uns auch noch gezeigt und schnell gelangten wir ins Ziel, zwar leicht schwankend – aber bei der Hitze konnte das schon mal vorkommen, ne? (Hätte die Jury gewusst …)

1978 haben wir es bis zu den DDR-Meisterschaften geschafft. Die wurden damals in Saalfeld und Unterwellenborn ausgetragen. Ich weiß nicht mehr, welchen Platz wir erreichten. Unter den ersten dreien waren wir jedenfalls nicht. Egal, Dabeisein war schon eine Auszeichnung. Und es war eine Übernachtung dabei, das fanden wir auch toll, weil da abends meistens eine Disco war.

Was hat uns dieser Sport gebracht? Außer dass wir ziemlich fit waren, haben wir natürlich viel dazu gelernt, um die Aufgaben an den KP gut zu erfüllen. Das Wichtigste war aber das Denken und Handeln als Mannschaft, sich gegenseitig anspornen, ergänzen, Rücksicht nehmen und zusammen halten. Manchmal kamen wir wirklich dicht an unsere körperlichen Leistungsgrenzen. Dann war mindestens einer da, der uns wieder aufgerichtet und Mut gemacht hat, schönes Gefühl.

Übrigens: Keiner von uns hat diese Sportart als eine Art der „vormilitärischen“ oder „paramilitärischen“  Ausbildung empfunden. Daran haben wir halbwüchsigen Mädchen überhaupt nicht gedacht. Für uns war es ein Sport – sonst nichts. Erst jetzt, nachdem ich darüber schreibe, sehe ich es etwas anders, denn gewisse militärische Grundzüge lassen sich tatsächlich nicht verleugnen. Allerdings zerbreche ich mir nach so vielen Jahren darüber nicht mehr den Kopf. Es ist Geschichte, abgehakt, vorbei. So war es halt damals. Punkt.

Ein paar der Urkunden habe ich eingescannt. Medaillen gab es natürlich auch, muss mal gucken, wo ich die hin gepackt habe. Wir waren immer stolz über jede neu errungene Medaille und wie verrückt hinter diesem Stück Blech (oder war es Plastik?) her – ein bisschen Ehrgeiz gehört halt zu jedem Sport dazu, stimmts?

Urkunde KreismeisterschaftUrkunde BezirksmeisterschaftUrkunde KreismeisterschaftUrkunde DDR-Meisterschaft

„Salut, Roter Oktober!“ oder: Wie man preiswert nach Berlin kam

1977 durfte ich mit meiner Mannschaft „Touristischer Mehrkampf“ zum „Fest des Roten Oktober“ nach Berlin fahren. Das Fest wurde anlässlich des 60. Jahrestages der Oktoberrevolution im damaligen Russland veranstaltet. Es war selbstverständlich, dass die DDR als kleiner Bruder der großen Sowjetunion dieses Ereignis mit einer würdigen Veranstaltung feierte.

An solchen Veranstaltungen durften immer nur ausgewählte FDJ-ler teilnehmen. Die Teilnehmer bekamen dann ein Mandat für diese Veranstaltung, sozusagen eine „Fahrkarte“ nach Berlin. Die Veranstaltungen zu solchen Jahrestagen zogen sich meistens über mehrere Tage hin. Die Jugendlichen wurden in der Regel einheitlich eingekleidet, meist mit gleichen Jacken und Kopfbedeckungen. Stoffbeutel mit aufgeruckten Emblemen (oder waren es doch nur Plastikbeutel?) rundeten das Outfit ab.

Okt 4 001  Karte

Hier ein Ausschnitt aus meinem Mandat und meine Eintrittskarte für die Eröffnungsveranstaltung.

Diesmal waren wir also die Auserwählten. Wir durften nach Berlin fahren! Das fanden wir fetzig! Natürlich bekamen auch wir einheitliche Nylonjacken und eine Art Mütze oder Hut mit einem roten Stern vorne dran. Der Hut sah echt bescheuert aus, fand ich. Sollte ich ihn irgendwann wieder finden, dann werde ich ihn fotografieren und hier abbilden. Jeder Leser kann sich dann vorstellen, dass ein 14jähriges Mädchen sowas nicht unbedingt auf dem Kopf haben muss. Ich beschloss, das Teil nur dann zu tragen, wenn es sich gar nicht vermeiden ließ – sprich, wenn es strikt angeordnet wurde.

Wir bereiteten uns auf die Fahrt vor, indem wir eine Wandzeitung gestalteten. Wir sollten während unseres Aufenthaltes in Berlin an einem Erfahrungsaustausch an einer Schule teilnehmen und wollten mit der Wandzeitung über das Training, die Wettkämpfe und unsere Erfolge berichten. Immerhin waren wir jedes Jahr Kreismeister im Touristischen Mehrkampf, landeten auch bei den Bezirksmeisterschaften immer auf dem Siegertreppchen und schafften es sogar einmal bis zu den DDR-Meisterschaften. (Ich werde in einem anderen Block mal erzählen, was „Touristischer Mehrkampf“ ist.)

Zu solchen Großveranstaltungen kamen die auserwählten Jugendlichen aus der ganzen Republik nach Berlin. Sie mussten natürlich alle untergebracht werden. Meistens erfolgte die Unterbringung in Schulen. Es wurden Luftmatratzen in Klassenräume gelegt – fertig. Manche Teilnehmer wurden auch in Gastfamilien untergebracht.

Unser Quartier – mit UNSER meine ich einen Teil der Delegation aus dem Bezirk Suhl – war die 13. Oberschule in der Adalbertstraße. Mit unseren Mandaten durften wir übrigens alle öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, so oft wir wollten und im ganzen Raum Berlin, Ostberlin natürlich, logisch. Schnell hatten wir uns alle wichtigen Verbindungen, Umsteigebahnhöfe und die Stationen, die dazwischen lagen, eingeprägt. Die Versorgung zum Frühstück und Abendbrot erfolgte über Verpflegungsbeutel (wir sagten Fresspakete), Mittag gab es warmes Essen am jeweiligen Ort des Aufenthaltes. Es war immer reichlich und auch Obst war dabei.

Quartier        Okt 3 001

Foto links: unser Quartier. die 13.Oberschule in der Adalbertstraße und rechts ein nicht besonders gutes Foto von der Festveranstaltung im Stadion der Weltjugend. Hier sieht man unsere ausgefallenen Kopfbedeckungen 😉

Das Beste an der ganzen Sache war, wir konnten viel selbst unternehmen. Wir mussten lediglich zu den vorgeschriebenen Zeiten wieder im „Objekt“ sein bzw. uns zu den angeordneten Veranstaltungen einfinden. Außerdem sollten wir uns jeder Zeit und überall angemessen benehmen, schließlich waren wir ja auserwählte FDJ-ler. Wir nutzten diese Freiheit natürlich voll aus und erkundeten Berlin auf eigene Faust. Wir kamen zwar aus einem kleinen Dorf, noch dazu aus dem letzten Zipfel der Republik, auch guckte man uns öfter komisch an, wegen unserer fränkischen Mundart, aber wir bewegten uns wie selbstverständlich, ohne Ängste und Hemmungen in Berlin, als wären wir jede Woche dort. Ach, es war einfach schön. Die Tage vergingen viel zu schnell.

Das Ganze hat sicher einen Haufen Geld gekostet, da ließ sich die Regierung wirklich nicht lumpen. Wir fragten nicht danach, als Jugendliche interessierte uns das nicht. Wir wollten nur was erleben. Dennoch, die Einkleidung der Teilnehmer, die Reisekosten, die Unterbringung und Verpflegung, die Organisation der Massenveranstaltungen, es gab Auftritte von Rockbands und es wurde einfach ganz viel geboten – das war nicht grad ein Pappenstiel. Für die Regierung war wichtig: Es wurde präsentiert, es wurden Parolen geschwungen, der Sozialismus zeigte sich von seiner Sonnenseite, es war gute Stimmung unter den Teilnehmern und die Eröffnungsveranstaltung im „Stadion der Weltjugend“ war durchorganisiert bis ins kleinste Detail.

Keine Ahnung, was die Berliner von solchen Spektakeln hielten. Ich glaube, sie waren froh, wenn der ganze Rummel wieder vorbei war, die U- und S-Bahnen nicht mehr überfüllt waren und der Alltag wieder einkehrte. Aber auch darüber zerbrachen wir uns damals nicht den Kopf.

Die morgendlichen Appelle ließen wir über uns ergehen, dann gehörte der Tag uns. Und manchmal, wenn ich mir die alten Schwarz-Weiß-Fotos angucke und mich an die Zeit erinnere, fallen mir Textstücke aus den Liedern der Singegruppen ein:

„Und das war im Oktober, als das so war, in Petrograd, in Russland, im siebzehner Jahr …“

Dann muss ich schmunzeln und staune darüber, was einem doch im Gedächtnis so alles hängen bleibt …

Übrigens hätte ich wohl nie im Leben eine „Fahrkarte“ nach Berlin bekommen, wenn ich eine schlechte Sportlerin gewesen wäre. Immerhin war ich getauft, nahm in meiner Freizeit am Konfirmandenunterricht teil und sollte ein halbes Jahr später konfirmiert werden, außerdem hatten meine Eltern Kontakte nach dem Westen und keiner in unserer Familie war in der Partei, ähm, ich korrigiere, in der richtigen Partei! (mein Opa war ja in der CDU …) – also: ich war wirklich nicht grad der perfekte kommunistische Nachwuchskader 😉

So sah mein "Mandat" aus, mein Freifahrschein nach Berlin

Die Innenseite des Mandates

Die Innenseite des Mandates

Es gibt eine DVD: Salut, Roter Oktober – Ein Film von Rolf Schnabel zum 60. Jahrestag der Oktoberrevolution (1977, Farbe)

Ein Bildchen von dem Hut habe ich auch entdeckt unter:

http://t3.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcSaiFAcLYTy7f3Mpc-QVTHVfPQGjUkncD56uK20uPBtW1TYCipurJA9Yg

Für Luftballons gab´s keine Grenzen

Zur Kartoffelernte im Herbst 1964 fand meine Oma nicht nur jede Menge Kartoffeln auf dem Feld, die sie eifrig in ihren Korb sammelte, zum Einen, um ihrer Arbeit als LPG-Bäuerin nachzugehen und zum Anderen, um den sozialistischen Plan wieder mal über zu erfüllen. Sie fand auch noch etwas ganz Anderes, etwas, was da gar nicht hin gehörte auf so ein sozialistisches Kartoffelfeld – die Reste eines längst nicht mehr sehr ansehnlichen, aber doch noch deutlich als solchen erkennbaren Luftballons. Und das Besondere an ihm war: Es hing ein Kärtchen daran, auf dem etwas stand. Meine Oma war nicht dumm, erfasste rasch die Situation, kombinierte in einem Bruchteil einer Sekunde die Tatsache, der kann nur von „drüben“ sein (Sherlock Holmes wäre höchst beeindruckt gewesen!) und ruck-zuck war das „Corpus Delicti“ unter ihrer Schürze verschwunden.

Ein unauffälliger Blick in die Runde folgte. Hatte sie auch ja keiner beobachtet? Um Himmels Willen, bloß das nicht! Aber die anderen Frauen waren alle in ihre Arbeit vertieft und sammelten mit gebeugten Rücken fleißig Kartoffeln in die sozialistischen Planwirtschaftskörbe. Der Traktorist hatte gerade mit seinem „Pionier“ einen leeren Hänger für die „Erdäpfel“ gebracht und war ebenfalls beschäftigt. Alles gut! Also weiter im Takt der Volkswirtschaft.

Erst am Abend zuhause wurde das Fundstück näher begutachtet und festgestellt, auf dem Kärtchen stand eine Adresse, vermutlich handelte es sich um ein Kind, dass an einem Ballonwettbewerb teilgenommen hatte. Aber die Adresse! Aus dem Westen! Hui, das war ein heißes Eisen und musste deshalb unter strengster Geheimhaltung an einem sicheren Ort aufbewahrt werden, bis ein endgültiger Beschluss über die weitere Verfahrensweise im engsten Familienrat getroffen wurde.

Die Entscheidung war zu treffen zwischen

  1. Senden einer Antwort an den Absender oder
  2. dem Vernichten des Ballonrestes und seines Anhanges und so-tun-als-wäre-nix-gewesen.

Variante zwei wäre die für einen im Denken und Handeln sozialistisch geprägten Staatsbürger der Deutschen Demokratischen Republik die einzige akzeptable und richtige Verhaltensweise gewesen. Scheinbar waren das weder meine Großeltern noch meine Eltern. Denn dies hätte unverzügliches Handeln voraus gesetzt. Pustekuchen:

Die nächsten Abende wurde beratschlagt, abgewogen, hin und her diskutiert. Man neigte inzwischen dazu, dem Kindchen, das sicherlich auf eine Antwort wartete und vielleicht einen Preis gewinnen würde, zu schreiben. Da gab es nur noch zwei Probleme. Das erste Problem war, dass die Post in den Westen kontrolliert wurde. Daraus ergab sich das zweite Problem. Der Sohn meiner Großeltern war bei den Grenztruppen in Streufdorf, hatte sich freiwillig für 10 Jahre verpflichtet. Wenn die Sache aufflog, würde er dann rausfliegen?

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Letztendlich hat meine Mutter dann doch einen Brief geschrieben, ohne Rücksicht auf ihren Bruder zu nehmen. Der Brief kam an und bald eine Antwort aus dem Hessischen mit der Geschichte des Ballons zurück.

Ballon 2 001

Es entstand eine herzliche Brieffreundschaft. Später, als mein Opa Rentner war, besuchte er einmal im Jahr die Familie in dem Dorf in Hessen und Ende der 70er Jahre, wir waren damals zum Glück nicht mehr im Sperrgebiet, besuchten sie uns zum ersten Mal und von da an immer wieder. Nie hätten meine Eltern gedacht, dass so ein Besuch umgekehrt auch mal möglich sein würde, dass der „Eiserne Vorhang“, der Deutschland trennte, noch in diesem Jahrtausend fallen würde – das wusste nur mein Opa, der wusste immer schon alles vorher, dafür hatte er so ein gewisses Gespür … 😉

Als meine Mutter nach der Wende Einsicht in ihre Stasi-Akte beantragt hatte, fand sie bei den Dokumenten u.a. Kopien der ersten Briefe an diese Familie. Also wurden die Briefe tatsächlich geöffnet und gelesen, bevor sie weiter geleitet wurden. Egal aus welcher Richtung sie kamen. Man möchte sich heute noch fremdschämen dafür … Mutti hat natürlich darauf geachtet, was sie geschrieben hat, denn sie wollte ja nicht, dass die Briefe einbehalten und vernichtet wurden. Ihrem Bruder sind nie irgendwelche Schwierigkeiten aus dieser sich anbahnenden Freundschaft erwachsen.

Noch heute sind meine Eltern mit dieser Familie und ihren Angehörigen sehr herzlich verbunden und pflegen den Kontakt. Bei Familienfeiern gehören sie wie selbstverständlich mit dazu.

Was für eine wunderbare Bereicherung unseres Lebens!

Wie schade, dass die Oma schon so früh gestorben ist und das alles nicht mehr erleben durfte. Könnte ich ihr einen Ballon in den Himmel schicken, dann würde ich einfach nur auf das Kärtchen schreiben:

Danke, Oma, wir alle denken an dich!

12. November 1989 … und ein Trabiduft lag in der Luft

Es ist wieder Kirmes in Gleichamberg. Ich denke zurück, erinnere mich an die Kirmes vor 25 Jahren. Die Grenze nach „drüben“ war gerade geöffnet worden. Viele Menschen aus meinem Umfeld hatten die Gelegenheit schon genutzt und waren über den Eisfelder Grenzübergang mal schnell auf einen Abstecher in den Westen gefahren, nur mal zum Umgucken. Die Meisten sind dann wieder zurück gekommen. Manche auch nicht.

Klar war ich auch neugierig, hatte es aber nicht so eilig. Mein Papa hatte sich mit ein paar Männern aus dem Dorf ausgemacht: Sonntag sollte es im „Konvoi“ nach Rodach gehen. Abfahrt 4.00 Uhr.

4.00 Uhr !!! Verrückt, oder? Aber letztendlich musste ich mich fügen, wenn ich mit wollte, denn ich hatte ja kein eigenes Auto. Ich überlegte also, wie ich die Kirmes und diesen Ausflug in unser Nachbarbundesland Bayern unter einen Hut bringen konnte, schließlich wollte ich weder das Eine noch das Andere verpassen. Die frühe Abfahrtszeit hatten sie sich deshalb überlegt, weil sie glaubten, dass sie dann am Grenzübergang nicht all zu lange warten müssten. Ich ahnte schon, dass es eine laaaaaange und abenteuerliche Nacht für mich werden würde …

Den Kirmestanz empfand ich irgendwie anders als die Jahre vorher. Es lag so eine Spannung in der Luft. Das Hauptgesprächsthema war natürlich die Grenzöffnung. Manche konnten es noch gar nicht richtig glauben, andere berichteten schon von ihren ersten Touren nach dem Westen, vom Begrüßungsgeld und von den Menschen drüben. Naja, das stand mir ja noch alles bevor und ich war sehr gespannt darauf.

Irgendwann so zwischen 2.00 und 3.00 Uhr kam ich von der Kirmes heim. Im Badeofen war das Wasser noch warm, so dass ich mich duschen und den Qualm der Zigaretten und den Mief des Tanzsaals von mir abspülen konnte. Schließlich wollte ich einen ordentlichen Eindruck „drüben“ hinterlassen. Danach fühlte ich mich erfrischt und fit für Teil 2 dieser Nacht. Es war schon recht kalt an diesem Wochenende, also mummelte ich mich warm ein, denn wir wussten ja nicht, wie lange wir am Grenzübergang warten mussten bzw. wie wir die Zeit bis zum Tagesanbruch in Rodach verbringen würden.

Inzwischen war auch Papa aufgestanden. Er hatte (im Gegensatz zu mir) das Glück gehabt, wenigstens ein paar Stunden geschlafen zu haben. Er kochte Kaffee und wir dachten darüber nach, was wäre, wenn es unserer Obrigkeit plötzlich einfiele, die Grenzen doch wieder dicht zu machen. Dann wären wir im Westen und kämen nicht mehr heim! Man konnte ja nie wissen, was denen einfiel im Politbüro der DDR. Also packte ich vorsichtshalber das mir in meinem Leben Liebste und Wichtigste ins Auto: J1, damals 3 Jahre alt (J2 lag zu diesem Zeitpunkt noch als Quark im Schaufenster). Es war für ihn natürlich ein Abenteuer, als ich ihm erzählte, dass wir jetzt in den Westen fahren würden, über eine Grenze, mit unserem Trabi. Er fragte, warum die Oma nicht mit fährt und sein Opa Ur. Wir sagten ihm, dass die Oma und der Uropa auf das Haus aufpassen müssen, solange wir weg sind. Diese Antwort stellte ihn zufrieden.

In Wahrheit hatte Oma Angst, sie wollte gar nicht mit. Und „Opa Ur“ war schon oft genug „drüben“, er fand, dass jetzt erst mal wir dran wären. Oma hatte natürlich auch Angst um uns, aber wir waren nun nicht mehr zu halten. So nach und nach trafen die anderen mit ihren Trabis am Treffpunkt ein. „Lothar, du fährst vorne weg. Du kennst den Weg.“ sagte Nachbar Ed. Natürlich kannte Papa den Weg. Bis Eisfeld. Was allerdings nach dem Schlagbaum kam, da hatte er keinen Schimmer, woher denn auch. Aber er fügte sich in sein Schicksal und lotste unseren Trabi-Konvoi souverän über den Grenzübergang Eisfeld bis nach Rodach direkt vor das Rathaus mitten in dem kleinen Städtchen.

Wer allerdings denkt, dass wir in der frühen Stunde bei den ersten am Grenzübergang dabei waren, täuscht sich. Weit gefehlt! Am Grenzübergang reihten wir uns andächtig in die sich nur langsam vorwärts zuckelnde Rücklichterschlange ein. Wo die nur alle hin wollten? Hoffentlich nicht nach Rodach … So groß sollte der Ort dem Hörensagen nach nun auch wieder nicht sein … Ein bisschen komisch war uns allen zumute, als wir die Grenze passierten. Mein Adrenalinspiegel, der sich nach dem Kirmestanz gerade wieder auf Pegel normal eingespielt hatte, bekam nun einen erneuten Schub. Kurz nach dem Grenzübergang hielten wir erst einmal auf einem kleinen Parkplatz an. Wir stiegen aus unseren Trabi´s und standen auf bayrischem Boden.

Was fühlte ich in diesem Moment? Ergriffenheit, Euphorie, Unsicherheit, Angst, Glück? Ich horchte in mich hinein, versuchte das dominierende Gefühl in mir zu ergründen. Es gelang mir nicht. Die Gedanken überschlugen sich: Wie wird das alles weiter gehen? Was kommt jetzt als Nächstes? Mein Körper war hundemüde, mein Geist war hellwach – und ich war im Westen! Meine Nachbarin rüttelte mich an den Schultern: „Wir sind im Westen! Ich glaub das net! Wir sind im Westen!“

Naja, wenn man es ganz genau nimmt, waren wir ja eigentlich geografisch gesehen eher Richtung Osten gefahren und trotzdem im „Westen“ raus gekommen. Das liegt daran, dass wir in unserem Heldburger Unterland quasi vom „Westen“ fast umzingelt waren. Das muss man sich mal vorstellen! Von drei Seiten Klassenfeind – lach!

Nach kurzem Einatmen westlicher Luft, sozusagen „Aklimatisierung“, ging die Fahrt, Lothar weiterhin vorne dran, weil er sich ja auskannte ;-), nach Rodach weiter, wo wir, wie bereits erwähnt, vor dem Rathaus parkten. Papa`s schnuckliger, hellblauer Trabi, den er übrigens wie seinen Augapfel hütete, wie ein Baby pflegte und den ich nur unter Aufsicht und in Notsituationen fahren durfte, stand genau da, wo sonst der Dienstwagen des Rodacher Bürgermeisters parkt. Das erzählte uns später ein Anwohner.

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Während ich mich auf dem Rücksitz meinen Gedanken hingab und dabei irgendwann mit J1 im Arm in der von unserer Standheizung erzeugten wohligen Wärme erschöpft vom Kirmestanz und dem frühen Aufbruch einschlief, machte sich Papa auf den Weg in eine Telefonzelle. Dort blätterte er im Telefonbuch und fand schnell die Adresse seines ehemaligen Kumpels aus Jugendtagen. Er wollte ihn unbedingt besuchen.

Endlich wurde es Tag. Die Scheiben des Autos waren ganz beschlagen von unserer Atemluft und ich musste mir erst mal ein Guckloch frei wischen. Irgendwie fühlte ich mich wie durch die Mangel gedreht nach der langen Nacht. Es sträubte sich alles in mir, jetzt aus dem schönen warmen Auto in die Eiseskälte auszusteigen, aber inzwischen hatte das Amt geöffnet und man konnte sich für das Begrüßungsgeld anstellen.

Das Begrüßungsgeld! Mir war das sowas von peinlich! Als berufstätige Frau, als eine in Vollzeit beschäftigte Angestellte, als eine finanziell vollkommen unabhängige und emanzipierte Mutter, empfand ich es als sehr unangenehm, Geld zu bekommen, ohne eine Leistung dafür zu erbringen. Trotzdem habe ich mich angestellt. Alle haben sich angestellt. Auch die, die immer gegen den Westen schwadroniert haben. Und ich möchte wetten, die hatten weniger Skrupel als ich. Ich hoffte sehr, dass mir niemand Bekanntes begegnen würde. Das Schlange stehen waren wir ja gewöhnt, aber damals kam ich mir vor wie eine Bettlerin. Dabei wollte ich von dem Geld nur für meinen Junior Sachen kaufen, die ich bei uns einfach nicht bekam. Letztendlich kaufte ich gar nichts, weil mir sogar das Einkaufen peinlich gewesen wäre, denn jede Verkäuferin wusste ja, woher das Geld kam.

Wir besuchten dann den Jugendfreund meines Vaters, es gab ein großes Hallo und eine Tafel Schokolade für Junior. Etwas später traf sich unsere Konvoi-Besatzung in einem Restaurant, studierte die Speisekarte, bestellte dann leicht irritiert angesichts der ungewohnten Preise doch nur ein Getränk und aß anschließend einen Teller leckerer Erbsensuppe, die es aus einem Kübel auf dem Rodacher Marktplatz, von freiwilligen Helfern verteilt, kostenlos für die Besucher aus dem Osten gab.

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Wo wir auch hin gingen, alle Rodacher begegneten uns sehr herzlich und hilfsbereit. Heute frag ich mich, wie sie diese „Invasion“ und den Gestank der vielen Trabis ertragen haben. Wir waren das ja gewöhnt, haben es nicht mal mehr wahr genommen. Ihnen schien es zumindest an diesem Sonntag im November nichts auszumachen.

Wir fuhren erst gegen Mittag wieder zurück. Die Grenze war immer noch auf 😉

Ich konnte nun auch ein kleines bisschen mitreden über den „Westen“, hatte die ersten DM-Scheinchen in meiner Tasche, die ich nie ausgeben würde (dachte ich jedenfalls am Anfang, etwas später kleidetet ich meinen Knirps doch noch neu ein – allerdings über ein Versandhaus) und hatte nur noch einen sehnlichen Wunsch: Endlich SCHLAFEN

Wanted – Eheversprechen nicht eingelöst!

Februar 1966. Faschingszeit. Im Kinosaal war Kinderfasching angesagt und meine Mutter hatte mich als kleine Prinzessin verkleidet, mit glitzernden Sternchen auf dem hellblauen Kleidchen, zartem Schleier aus Tüll und einem kleinen Krönchen auf dem blonden Lockenköpfchen.

Bevor ich jedoch im allgemeinen Gewimmel meine Sachen ruinierte, stand das obligatorische Faschingsfoto an. Nach den Anweisungen meiner Mutter sollte ich mich vor der Haustüre auf die Treppe stellen und artig in die Kamera lächeln. Dazu hatte ich aber gerade gar keine Lust. Im Fotoalbum fand ich drei Fotos. Auf dem ersten Foto drücke ich mich an den Türrahmen und habe die Finger im Mund, was ganz und gar nicht den Vorstellungen meiner Mutter entsprach. Auf dem zweiten Foto sieht es so aus, als ob ich die Flucht ergreifen wollte.

Letztendlich scheint die Sache doch noch ein gutes Ende gefunden zu haben, denn es existiert ein Foto, da sitze ich ganz artig auf dem Schoß eines Gefreiten der Nationalen Volksarmee der DDR. Wie ich später erfuhr, kamen just in dem Moment, als ich herum zickte, ein paar Soldaten des Weges und amüsierten sich über meine Sturheit. Einer ergriff erst die Initiative und dann mich, hob mich kurzerhand auf seinen Schoß und so entstand das dritte Foto in meinem Album.

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Ich hielt mucksmäuschenstill, weil mir die Uniform großen Respekt einflößte und war heilfroh, als er mich wieder laufen ließ. Meine Mutter war natürlich glücklich, dass der fremde Soldat mich gebändigt hatte und dadurch ein brauchbares Foto zustande gekommen war. Zum Abschied habe der Soldat gesagt, dass er in 20 Jahren wieder kommen und mich heiraten würde, was bei seinen Kumpanen Beifall und Gelächter auslöste.

Nun frage ich mich, wo ist der Kerl damals geblieben? Erst Versprechungen machen und dann untertauchen? 😉

Ich habe mir also einen anderen gesucht 😉 Trotzdem würde ich gerne wissen, wer das damals war, ob er noch lebt und wenn ja, wo. In den Grenzkompanien von Streufdorf und Römhild waren Grenztruppen der NVA stationiert, möglicherweise hat der Mann dort seinen Wehrdienst geleistet.

Übrigens: Manchmal mussten die Soldaten zu Kompanieübungen ausrücken und mit voller Ausrüstung 10, 30 oder bis 50 km zu Fuß gehen. Sie waren zwar nach der harten Grundausbildung gut trainiert und hatten Ausdauer, aber in den Stiefeln war es für viele die reinste Tortur, wenn sie sich Blasen an den Füßen gelaufen hatten. Meine Oma hatte immer Mitleid mit ihnen: „Müssen die denn die armen Jüngle so dressieren?“ – das war ihr Spruch. Helfen konnte sie ihnen aber auch nicht.

„Wenn man rührt, wird`s weniger!“ oder „Was der Bauer net kennt …“

Kindergarten. Ich war so um die fünf Jahre alt. Wir saßen am Tisch, hatten unser Mittagessen im Bäuchlein und gerade wurde uns der Nachtisch in Schälchen serviert. Nachtisch gab es nicht jeden Tag, aber wenn, dann war er für uns Kinder immer das i-Tüpfelchen der Mahlzeit.

Was uns an diesem Tag hingestellt wurde, konnten wir nicht genau deuten. Es hatte die Konsistenz von krümeligem Brei, die Farbe von Milchkaffee, es roch nach nichts und schmeckte … tja, keine Ahnung, denn keiner wollte es probieren.

Als Frau Elstner, unsere Kindergärtnerin, in unsere langen, skeptischen Gesichter sah, meinte sie, dass die Schulküche mal was Neues ausprobiert hätte, irgendwas mit Reis. Wir sollten es doch erst einmal versuchen, bestimmt würde es uns gut schmecken. Aha, es gab also heute etwas NEUES! Auf etwas Neues hatten wir nur leider überhaupt keinen Appetit. Lieber wollten wir Schokoladenpudding mit Vanillesoße oder Erdbeerkompott oder Rote Grütze. Aber das da – nööö, das wollten wir nicht essen. Da waren wir uns einig. Wir stocherten mit unseren Löffeln lustlos in der klebrigen Pampe herum, leckten auch mal daran, zogen heimlich Grimassen und lachten leise hinter vorgehaltener Hand darüber, denn „Beim Essen muss man stille sein, sonst geht nichts in den Mund hinein.“ (wie einer unserer Tischsprüche hieß).

Natürlich war es erwünscht, dass wir alles auf aßen, was wir vorgesetzt bekamen. In den meisten Fällen taten wir das auch, denn das Essen, das in der Schulküche unseres Dorfes gekocht wurde, schmeckte wie zuhause und war wirklich lecker. Nur so ein neuartiges Zeug wie an diesem Tag musste es ja nun wirklich nicht sein.

Als Frau Elstner aus dem Zimmer ging, um die Teller zum Abwaschen runter in die Küche zu bringen, hatte Gernot die rettende Idee. Er verkündete überzeugt: „Wenn man rührt, wird´s weniger!“ Er hatte es scheinbar schon getestet. Denn in seinem Schälchen war tatsächlich weniger drin als in unseren. Also begannen wir alle wie der Teufel mit unseren Löffeln in den Schälchen zu rühren. Die breiartige Masse verteilte sich dabei wunderbar bis zum oberen Rand des Schälchens, so dass es aussah, als wäre wirklich weniger drin und wir hätten davon gegessen.

Das Rühren wurde schlagartig beendet, als wir Frau Elstner die Treppe hoch kommen hörten. Sie schaute in unsere Schälchen, wir schauten in unsere Schälchen und siehe da – oh, Schreck – dieser komische Brei rutschte so nach und nach vom Rande des Schälchens wieder herunter. Plötzlich war wieder fast genau so viel in dem Schälchen drin wie am Anfang. Na, so ein Mist aber auch! Von wegen, wenn man rührt, wird´s weniger! Haha!

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Wir mussten das Zeug natürlich nicht essen. Der Tisch wurde einfach abgeräumt und kein Wort mehr darüber verloren. Scheinbar hat Frau Elstner, als sie unten in der Küche war, selbst mal davon gekostet und es hat ihr auch nicht geschmeckt. Jedenfalls kam in meiner restlichen Kindergartenzeit nie wieder sowas auf den Tisch.

Tja, wie sagte schon mein Opa Hugo: „Was der Bauer net kennt, frisst er net.“

Übrigens: Die Schulküche befand sich im Bedheimer Schloss (schloss.bedheim.de), in dem sich ebenfalls unsere Schule (die Polytechnische Oberschule – kurz POS) befand, in der wir von der 5. bis zur 10. Klasse beschult wurden, bevor 1982 ein Schulneubau in Bedheim errichtet wurde. Es kochten Wally Schippel, Gertrud Schmidt, Lore Schmidt und Marianne Heusinger (vielleicht auch noch andere Frauen, aber ich kann mich nur an diese erinnern) von Montag bis Freitag eine richtig leckere Hausmannskost für Schule, Kindergarten, Kinderkrippe und einige Privatpersonen. Das Essen wurde in Kübeln auf einer kleinen, luftbereiften Kutsche von einer Köchin in den Kindergarten gezogen und dort verteilt. So war es auch noch 1983, nachdem ich meine Ausbildung zur Kindergärtnerin abgeschlossen hatte und in diesem Kindergarten meine beiden Anerkennungsjahre absolvierte und im Anschluss daran bis 1987 angestellt war. Wenn es in der Urlaubszeit mit Personal knapp zuging, kam es vor, dass ich auch mal das Essen für unsere Kinder in der Schulküche holte oder wir gemeinsam mit den Kindern diesen Weg erledigten. Ein Mittagessen kostete damals für ein Kindergartenkind 35 Pfennige am Tag.

Paloma Blanca

Sommer 1975, 8 Wochen Ferienzeit, bevor ich in die 6. Klasse kam. Und ich durfte das erste Mal ins Ferienlager, war ich aufgeregt! Alleine verreisen, zwei Wochen lang, so richtig mit kleinem Köfferchen, „Kulturbeutel“ und Bestecktasche! Die Reise ging allerdings nicht sehr weit, gerade mal bis nach Heubach, nur 30 km von daheim entfernt. Aber egal, ich ging auf Reisen!

Die Betriebe der Eltern boten solche „Ferienlager“ kostenlos für die Kinder der Betriebsangehörigen an. Mein Papa arbeitete damals beim VEB (Volkseigener Betrieb) Bau in Hildburghausen. Klar ging es nicht in Hotels. Das Höchste der Gefühle waren Jugendherbergen. Meistens jedoch handelte es sich um einfachere Unterkünfte wie Zelte, Reihenbungalows oder Baracken, die mit Mehrbettzimmern und Sanitäranlagen auf den Fluren ausgestattet waren. Es gab Vollverpflegung und jeden Tag Unternehmungen. Wir wanderten, gingen ins Schwimmbad, trieben viel Sport und besichtigten alles Mögliche, was die Umgebung für Kinder anbot.

In meinem ersten Ferienlager waren wir in der Heubacher Schule untergebracht. Wir übernachteten auf Luftmatratzen in einem Klassenraum, Mädchen und Jungen natürlich in getrennten Räumen. Der Koffer lag neben der Matratze, mehr Platz war da nicht, es stand höchstens noch ein Stuhl da, ich weiß nicht mehr genau. Es hat uns jedenfalls gereicht, wir waren nicht sehr anspruchsvoll und sowieso nur zum Schlafen in dem Klassenzimmer.

Am Ortsrand von Heubach, oben auf dem Berg, war noch ein anderes Ferienlager. Soweit ich mich erinnern kann, gingen wir jeden Abend geschlossen dort hin, denn da war immer Disko im Freien angesagt. Der deutsche Hit des Sommers war „Paloma Blanca“. Natürlich wurde er mehrmals am Abend gespielt und wir konnten ihn alle mitsingen: „Uh La Paloma Blancaaaaaa …..“

Ich hab damals einen Jungen aus dem anderen Ferienlager kennen gelernt. Harald. Wir haben jeden Abend miteinander getanzt. Ich freute mich den ganzen Tag lang darauf, ihn abends wieder zu treffen. Ach, war das schön! Wir waren „verknallt“ ineinander, so sagten wir damals. Am Sonntag besuchten mich meine Eltern. Eigentlich hatte ich gar keine Sehnsucht und es war mir auch ein bisschen peinlich, aber sie bestanden darauf und andere Kinder bekamen zum Glück auch Besuch. Ich erzählte ihnen von Harald und wurde bestimmt rot dabei. Sie wollten auch den Nachnamen wissen. Natürlich kannten meine Eltern seine Familie (wen kennt mein Papa auch nicht?! -lach). So erfuhr ich, dass er in meinem Heimatort Verwandtschaft hatte, noch dazu eine Cousine, die ausgerechnet in meine Klasse ging. Das fand ich prima, so würde sich auch ein Kontakt nach dem Ferienlager möglicherweise etwas einfacher gestalten können …

Am letzten Abend tauschten wir unsere Adressen aus. Schon eine Woche nach dem Ferienlager bekam ich einen Brief von ihm. Der wurde mir aber erst am Abendbrottisch vor der ganzen Familie feierlich übergeben. Alle guckten mich erwartungsvoll an, als ich ihn öffnete und dann sollte ich ihn auch noch laut vorlesen. Das war mir vielleicht unangenehm! Schließlich war das doch MEIN Brief. Ich fügte mich aber und las laut vor. Der Brief war nicht lang. Aber den einen Satz vergesse ich nicht: „Ich muss immer an dich denken, wenn im Radio Paloma Blanca gespielt wird.“

Heute Abend hat mein Mann eine aufgezeichnete „Hitparade“-Sendung vom September 1975 im Fernseher angeschaut. Da kam das Lied und mit ihm die Erinnerungen …

http://www.youtube.com/watch?v=iUqpXV7vch8

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Kindergeburtstage

Jeden Tag um halb 8 machte ich mich auf den Weg in den Kindergarten. Ich hatte meine Brottasche dabei, sie war aus Leder, rot, hatte einen Drehverschluss aus Metall und es passte genau meine Brotbüchse hinein.

Ich brauchte keinen großen Rucksack, obwohl ich einen besaß. Allerdings hieß der Rucksack im Sprachgebrauch der DDR-Kinder „Campingbeutel“. Meiner war aus rot-grau-beige-kariertem Stoff, der Boden, die Verschlussklappe und die Träger waren aus schwarzem Kunstleder. Er wurde nur für Wandertage und Ausflüge hervorgeholt und machte diese damit zu etwas Besonderem.

In der Brotbüchse befanden sich mein Frühstücks- und mein Vesperbrot sowie etwas Obst. Während ich schreibe, erinnere ich mich an den Geruch des Leders meiner Brottasche und daran, dass ich immer meine liebe Not damit hatte, die beiden Teile der nierenförmigen Brotbüchse zu öffnen und zu schließen. Nicht selten lag deshalb mein Brot auf dem Fußboden und die anderen Kinder an meinem Tisch haben mit mir darüber gelacht. Ich habe das Brot aufgehoben, auf meinen Teller gelegt und nach dem Tischspruch aufgegessen, als ob nichts gewesen wäre. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, mein Brot wegzuwerfen, weil es auf dem Boden lag. Was für ein Wunder, dass ich trotzdem noch lebe!

Ich kann mich nicht erinnern, ob es in meiner Kindergartenzeit schon Papiertaschentücher gab. Ich hatte jedenfalls täglich ein sauberes Stofftaschentuch dabei. Weil ich nicht in allen Kleidern eine Tasche hatte, häkelte mir meine Mutter sogenannte „Taschentuchtäschchen“ zum Umhängen. Auch alle anderen Mädchen im Kindergarten hatten solche Täschchen. Ich hatte mehrere in verschiedenen Farben und fand das totschick. Wir haben es tatsächlich fertig gebracht, die ganze Kindergartenzeit zu überstehen, ohne uns an den Schnüren der Täschchen zu strangulieren 😉

Der schönste Tag im Jahr war mein Geburtstag. Ich durfte an diesem Tag ausnahmsweise einmal anziehen, was ich gerne anziehen wollte und nicht das, was mir meine Mutter am Abend zuvor hingelegt hat (diesbezüglich gab es bei uns keinerlei Diskussionen). Meistens suchte ich mir mein Lieblingskleid mit dem dazu passenden Taschentuchtäschchen aus (siehe Foto) und freute mich schon auf den Kindergarten.

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Die Geburtstagsfeier war einfach gestaltet und dennoch so eindrucksvoll, dass ich mich auch nach so vielen Jahren noch gut daran erinnern kann.

Die Kinder saßen im Stuhlkreis um mich herum. Auf dem kleinen Tisch in der Mitte stand ein roter, mit kleinen Blümchen bemalter Holzring mit Kerzen, ein paar Blümchen von der Wiese und eine kleine, aus Papier gefaltete Schachtel, in der ein Luftballon und ein paar Bonbons waren. Ich saß auf dem Geburtstagsstuhl vor diesem Tisch in der Mitte des Stuhlkreises und nacheinander durfte jeder gratulieren und mir etwas wünschen. Es wurde das obligatorische Geburtstagslied „Weil heute dein Geburtstag ist“ gesungen und dann durfte ich mir noch eine Geschichte oder ein Spiel aussuchen (ich habe mich immer für eine Geschichte entschieden) – ach, war das schön!

Zu jedem Geburtstag gab es Kuchen mit Schokoladenguss und bunten Streuseln darauf. An anderen Kuchen kann ich mich nicht erinnern. Und ich glaube, dass die Mütter schon lange vor den Geburtstagen ihrer Kinder in den Kaufhallen nach den bunten Streuseln Ausschau hielten …

Aber das Besondere waren nicht die Geschenke und der Kuchen. Es war einfach so wunderbar, an diesem Tag der wichtigste kleine Mensch in der Kindergartengruppe zu sein und das auch zu spüren.

Viele Jahre später, als ich schon selber meine Ausbildung zur Kindergärtnerin absolvierte, hatte ich während eines Praktikums eine Geburtstagsfeier für ein Mädchen vorzubereiten und zu gestalten. Meine Mentorin sollte meine Leistung im Anschluss mit einer Note bewerten. Die Mutter der kleinen Janina arbeitete übrigens auch als Erzieherin im gleichen Kindergarten.

Ich gab mir sehr viel Mühe, nicht nur weil ich eine gute Note haben wollte. Immer wieder erinnerte ich mich an meine Kindergeburtstage und ließ diese Erinnerungen in meine Arbeit einfließen. Janina fühlte sich als Mittelpunkt und alle Kinder begegneten ihr sehr liebevoll und aufmerksam. Es war eine wunderbare Stimmung in der Gruppe. Während des Höhepunktes der Geburtstagsfeier für Janina, sie durfte sich ein Kind aussuchen und mit ihm zu ihrer Lieblingsmusik tanzen,  ging plötzlich leise die Tür auf und ihre Mutter beobachtete eine Zeit lang unbemerkt von ihrer Tochter das Geschehen. Die Mutter war so gerührt, dass sie Tränen in den Augen hatte. Janina`s  glückliches Gesicht und die Reaktion der Mutter waren meine Bestätigung und haben mich ebenfalls so richtig froh gestimmt.

Keine Ahnung, was ich damals für eine Note bekommen habe. Ich habe es vergessen, weil es nicht wichtig war. Wichtig war, dass es mir gelungen ist, Menschen glücklich zu machen.

Die Geschichte von dem riesengroßen Stein

Heute blätterte ich mal wieder in meiner Kindergartenmappe und betrachtete meine kleinen, selbst gestalteten „Kunstwerke“ von damals. Über 45 Jahre alt ist die Mappe schon. An die Entstehung mancher Bilder kann ich mich noch erinnern, zu manchen Bildern fällt mir eine Situation oder eine kleine Geschichte ein. Auf der Rückseite jedes Bildes stehen das Thema sowie das Datum und natürlich mein Name. Ich bin froh, dass meine Kindergärtnerin alle meine Arbeiten so sorgfältig abgeheftet hat.

Kurz bevor wir in die Schule kamen, wanderten wir auf den Kleinen Gleichberg. Das war eine alljährliche Tradition für alle zukünftigen Schulanfänger. Ich kann mich gut an diesen Tag erinnern. Fotos gibt es davon nicht, wir haben am nächsten Tag ein Bild mit Bleistift davon gezeichnet.

Auf meiner Zeichnung ist nicht ein einziges Kind zu sehen, nur der Berg, die Bäume, ein paar Granitsteine der ehemaligen Ringwälle der Kelten (für weitere Steine hatte ich scheinbar keine Lust mehr) und ein besonders großer Stein, der fast so groß war wie ich selbst damals. Der Stein lag ungefähr an der Stelle, wo jetzt die Schutzhütte steht. Weiterhin sieht man noch das Waldhaus und den Stausee. Das waren die für mich wichtigen Dinge, die auf meinem Bild sein mussten.

Nach diesem Wandertag war ich viele Jahre lang nicht mehr auf dem Kleinen Gleichberg. Etwa elf oder zwölf Jahre später bin ich mit meinem Freund wieder hoch gewandert. Schon vorher hatte ich ihm von dem riesengroßen Stein erzählt, an den ich mich noch gut erinnern konnte. Diesen Stein wollte ich ihm unbedingt zeigen, weil er für mich die Erinnerung an einen Tag aus meiner Kindheit symbolisierte.

Als wir an der Stelle ankamen, lag da auch ein Stein. Von groß oder gar riesengroß konnte allerdings nicht die Rede sein. Ich war zunächst etwas verwirrt und enttäuscht und schaute mich um, ob da nicht irgendwo doch noch dieser große Stein läge. Das war natürlich absurd, denn dieser mickrige Stein, der da lag – das war tatsächlich mein riesengroßer Stein von damals, nur ich war inzwischen beträchtlich gewachsen und die Relationen hatten sich ganz einfach geändert.

Mir war das zwar die ganze Zeit bewusst, ich wollte es trotzdem nicht wahr haben. Wir mussten letztendlich herzlich darüber lachen. Den Rest des Tages durfte ich mir jede Menge Gespött anhören: „Pass´auf, dass du nicht stolperst, hier liegen lauter Felsen herum …“ usw.

Immer, wenn wir heute auf den Gleichberg wandern, erzähle ich diese kleine Geschichte.

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Wie ich ein „Junger Pionier“ wurde

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In der 1. Klasse wurde ich ein „Junger Pionier“, das heißt, ich wurde in die Pionierorganisation „Ernst Thälmann“ aufgenommen. Alle anderen 23 Kinder in meiner Klasse natürlich auch. Seit September gingen wir nun schon zusammen in die Schule und wir wurden auf diesen Tag durch unsere Lehrer vom ersten Schultag an ideologisch vorbereitet. Es hat uns keiner wirklich gefragt, ob wir Pioniere werden wollten. Es war für uns Kinder gar keine Frage, es war so normal für uns wie jeden Tag zur Schule gehen, dass wir Pioniere wurden. Ich habe mich darauf gefreut, es wurde uns ja als besonderes Ereignis angekündigt. Und ich glaube, die anderen aus meiner Klasse freuten sich genauso darauf wie ich.

An diesem 13. Dezember, dem „Tag der Pioniere“ wurden wir also feierlich aufgenommen. Die Zeremonie fand im „Kaisersaal“ der Gaststätte „Freundschaft“ in unserer Kreisstadt Hildburghausen statt. Ich war sehr aufgeregt. Meine Mutter hatte mir schon lange vorher eine weiße Pionierbluse und einen dunkelblauen Pionierrock in der „SPOWA“ (Sportwaren) in Hildburghausen gekauft. Ich hatte eine weiße Strumpfhose an und Stiefel und kam mir unheimlich wichtig vor, denn an diesem Tag sollte ich mein blaues Pionierhalstuch bekommen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich an diesem Tag schon mein Pionierkäppi hatte, das auf dem Foto zu sehen ist. Vielleicht habe ich es auch erst etwas später bekommen. Das Käppi mochte ich nicht, weil es auf meinen glatten Haaren immer verrutscht ist. Es gehörte aber zur vollen Montur dazu. Die Pionierkleidung war übrigens nur für besondere Anlässe gedacht und nicht für jeden Tag. Auch das Halstuch trugen wir nur zu bestimmten Veranstaltungen. Unser Lehrer sagte uns, wann wir in welchem Outfit zu erscheinen hatten. (Das Wort „Outfit“ gehörte damals natürlich noch nicht zu unserem Sprachgebrauch).

Ich kann mich nicht mehr genau an alle Einzelheiten der Veranstaltung zur Aufnahme in die Pionierorganisation erinnern. Auf jeden Fall war die Bühne festlich geschmückt mit Fahnen, Rednerpult und Blumen, es wurden Reden gehalten, ein Chor hat gesungen, Gedichte wurden aufgesagt, die Gebote der Jungpioniere vorgelesen und wir mussten geloben, diese einzuhalten. Dann bekamen wir unser blaues Pionierhalstuch umgebunden und den Pionierausweis in unsere kleinen Hände gedrückt. Ich glaube, dazu mussten wir sogar auf die Bühne gehen. Ja, und damit waren wir also „Junge Pioniere“ und feierlich in die Pionierorganisation aufgenommen worden.

Mein alter Pionierausweis (leicht ramponiert)

Mein alter Pionierausweis (leicht ramponiert)

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Aus unserer Klasse wurde an diesem Tag eine „Pioniergruppe“. Jede Pioniergruppe bekam einen Wimpel überreicht. Ich durfte ihn für unsere Pioniergruppe in Empfang nehmen und dann bis zum Bus tragen. Ausgerechnet ich! Was war ich stolz!

Beim Abendessen habe ich natürlich alles haarklein dem Rest der Familie erzählt. Meine Schwester war damals noch ein Kindergartenkind. Sie erlebte meinen Stolz und wie wichtig ich von den Eltern genommen wurde und konnte es kaum erwarten, auch bald in die Schule zu kommen und selbst Pionier zu werden. So hat sich die Euphorie gleich auf die nächsten Altersstufen übertragen …

Mein Opa Hugo guckte skeptisch von unten nach oben über den Rand seiner Brille hinweg und sagte nichts dazu. Er hatte immer (vorsichtig ausgedrückt) eine sehr kritische Einstellung gegenüber unserem damaligen, sozialistischem Staat. Das haben wir aber erst später bewusst wahrgenommen. Als wir älter waren und er sich sicher war, dass wir uns in der Öffentlichkeit nicht verplappern würden, hat er uns manchmal über ein paar Sachen „aufklärt“. Er hatte in vielen Dingen recht gehabt …

Die Zeit der „Jungpioniere“ dauerte übrigens von der 1. bis zum Ende der 3. Klasse. Anfang der 4. Klasse wurden wir „Thälmannpioniere“ (nach Ernst Thälmann benannt, der in Ostdeutschland fast wie eine Legende dargestellt wurde und von dem ich den Lebenslauf mal auswendig wusste). „Thälmannpioniere“ bekamen zu unserer Zeit schon ein rotes Pionierhalstuch verpasst. Ich nehme an, es sollte die Verbundenheit zur Sowjetunion ausdrücken. Im meinem Statut der Thälmannpioniere steht nichts von einem roten Halstuch, aber es war so. Vielleicht ist das Statut später verändert worden – keine Ahnung, ich habe jedenfalls noch das Statut bekommen, indem von einem blauen Halstuch die Rede ist.

Mein Thälmann-Pionierausweis

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Foto Thälmann`s aus dem Ausweis für Thälmann-Pioniere:

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In der 7. Klasse hatten wir von der ganzen Pionierzeit genug und konnten es kaum erwarten, endlich „FDJ“ler zu werden. Die „Freie Deutsche Jugend“ – das war es! Endlich kein Halstuch mehr, auf das wir ursprünglich so stolz waren. Nein, jetzt gab es das Blauhemd bzw. die blaue FDJ-Bluse und das war wieder was ganz Besonderes und wir trugen es freiwillig und voller Stolz (zumindest am Anfang…)Wir waren nun Jugendliche!

Jede Organisation hatte ihre eigene Zeitung. Die „Pionierzeitung“ lasen wir bis zur 3. Klasse, dann kam „Die Trommel“ an die Reihe und für die FDJ gab es die „Junge Welt“. Das Interesse sank bei mir mit zunehmendem Alter, weil der Inhalt immer politischer wurde und das interessierte mich nicht die Bohne damals.

Egal, auf jeden Fall war ich gerne und freiwillig Pionier und FDJler. Es war halt unsere Zeit …