Grenzgeschichte

Zeitzeugenbericht

Es war um die Mitte der 50er Jahre im letzten Jahrhundert.

Ich war in der MTS (Maschinen-Traktoren-Station) Streufdorf beschäftigt, wir waren damals etwa zwanzig Männer. Unter Anderem waren wir für das Ackern des Zehn-Meter-Streifens an der Grenze nach Bayern zuständig und zwar ab Völkershausen um den Straufhain herum, links vorbei an Rudelsdorf und Rossfeld (beide Orte auf bayrischer Seite) Richtung Streufdorf und noch ein Stück in Richtung Steinfeld. Der Streifen musste regelmäßig geackert werden, damit man Spuren darin sehen konnte, wenn jemand unbefugt das Gelände betrat oder gar in den Westen flüchten wollte.

Nicht jeder durfte den Zehn-Meter-Streifen pflügen, dafür wurden nur Leute, die keine Verwandtschaft im Westen hatten, eingesetzt. Natürlich war bei jedem dieser Ackereinsätze ein Grenzer mit dabei. Die Grenzer und die Leute vom Dorf kannten sich manchmal. Zumindest vom Sehen her. Entweder durch´s Wirtshaus oder wenn sie sich bei Feldarbeit und dem Streife laufen begegneten.

Ich war noch ziemlich jung, hatte gerade meine Ausbildung in der MTS Streufdorf beendet und verdiente für mein Alter schon recht gut: 1,25 Mark in der Stunde. Viel Geld für mich damals. Da ich im Kollektiv und beim Brigadier als vertrauenswürdig galt und nie Absichten geäußert hatte „in den Westen rüber machen“ zu wollen, war ich einer der Leute, die zum Ackern des 10-Meter-Streifens eingeteilt wurden.

An diesem Tag war der Stabsfeldwebel K. aus Streufdorf mit mir auf der Raupe, hinten an der Raupe hing die Egge. Im Bereich zwischen Streufdorf in Richtung Steinfeld ging es ziemlich bergauf, da war mit einem Traktor nicht viel auszurichten. Deshalb kam dort die Raupe zum Einsatz. Auch hinter dem Straufhain war die Raupe angebracht, denn es gab dort eine ziemlich feuchte Stelle, die umfahren werden musste, wenn man nicht versinken wollte. Die Demarkationslinie ging genau mitten durch diese Stelle. Das bedeutete, die Raupe musste zwangsläufig einen kleinen, illegalen „Umweg“ durch die Bundesrepublik machen, es handelte sich aber wirklich nur um höchstens 2 Meter. Dumm war nur, dass ausgerechnet an diesem Tag und ausgerechnet auf diesem kleinen Umweg die Kette der Raupe herunter sprang. Nicht ganz, aber doch so bedenklich, dass ich nicht weiter fahren konnte. Der Genosse Stabsfeld sprang wie ein Blitz herunter und rüber in den Osten. Bestimmt wollte er sich keinen Ärger einhandeln. Vor lauter Schreck hatte er seine Waffe liegen gelassen, die ich ihm schnell zureichte. Zur gleichen Zeit ackerte ein Bauer auf der Westseite sein Feld und beobachtete das Geschehnis. Er kam näher, nickte wissend und sagte zu mir: „Pass auf, Jung, ich muss jetzt erst mal heim, meine Gäule füttern und versorgen und was essen, dann komm ich wieder und helf dir.“ Seinen Pflug ließ er stehen, dann machte er sich auf den kurzen Heimweg nach Rudelsdorf.

Tja, da half nur warten. Und so setzte ich mich zu dem Genossen Stabsfeldwebel auf ostdeutschen Boden rüber, wo ich der Ordnung halber ja auch hin gehörte. Dieser hatte bereits per Funk die Sachlage weiter gegeben. Es gesellten sich zwei Grenzer zu uns, die gerade auf Postengang waren. Nach einer Stunde kam der Bauer aus Rudelsdorf zurück. Er hatte Brot, Wurst und Bier dabei, was er uns anbot und das ich letztendlich im Westen verzehrt habe, weil er ja nicht in den Osten rüber durfte. Der Genosse Stabsfeldwebel verzichtete lieber auf das Angebot, drückte aber alle Augen zu, denn schließlich war es auch in seinem Sinne, dass dieses kleine Malheur zügig behoben wurde. Damals gab es an dieser Stelle noch keinen Zaun, nur Schilder an schwarz-rot-goldenen Holzpfählen. Nach der Brotzeit wurde mit vereinten Ost-West-Kräften die Kette wieder aufgelegt und die Arbeit konnte ohne weitere Zwischenfälle fortgeführt werden.

Wäre interessant zu wissen, ob dieser Vorfall mal irgendwo vermerkt wurde. Und wer der hilfsbereite Landwirt war, das war später auch nicht mehr zu erfahren. Seinen Namen hab ich vergessen. Es war auch besser, Kontakte nach „drüben“ zu vermeiden. Gerade in den Streufdorfer Einwohnern steckte noch lange der Schock der Aktion „Ungeziefer“, bei der viele Familien zwangsweise aus der Sperrzone ausgesiedelt wurden.

Ein Ereignis jedes Jahr im Spätherbst war die Straufhain-Treibjagd, da durfte im Sperrgebiet gejagt werden. Es waren natürlich immer Posten mit dabei. Wir jungen Leute waren die Treiber, das hat uns Spaß gemacht. Einmal wurde versehentlich (oder auch nicht) eine Sau auf westlicher Seite erlegt, ganz dicht unmittelbar an der Grenze. Irgendjemand sagte schlicht: Los, geht nüber und zerrt sie schnell rüber. Manchmal wurden auch geschossene Hasen im Dickicht versteckt und spät abends heimlich geholt.

Als Jugendlicher und mit allerhand Flausen im Kopf war für uns so ein kleiner Ausflug über die Grenze Anfang der 50er eine Herausforderung: es rüber zu schaffen und natürlich wieder zurück, ohne erwischt zu werden. Einmal hätte ich es mit einem Schulkameraden vielleicht bis Coburg geschafft, wäre da nicht am Fuchsberg der Reifen am Fahrrad geplatzt. Natürlich durften unsere Eltern von solchen Aktionen nichts wissen, war auch besser so.

Das war alles vorbei, nachdem der Zaun gebaut wurde. Ganze Waldstücke wurden gerodet, um den Grenzstreifen überschaubar zu machen. Unmengen von Holz sind gemacht worden! Die Bewohner konnten sich Genehmigungen für die Holzabfuhr holen, was rege genutzt wurde.

Im Mai 1952 ist eine „Polizeiverordnung über die Einführung einer besonderen Ordnung an der Demarkationslinie“ vom MfS im Auftrag der DDR-Regierung erlassen worden. Die Fluchtbewegung in den Westen sollte damit unterbunden werden. Es gab dann also den 10 Meter Kontrollstreifen, dann kam der 500 Meter breite Schutzstreifen und die 5 Kilometer Sperrzone.  

Mit meinem Zetor und einem großen, hinten angehängten Bohrgerät war ich dabei, als der Grenzzaun Richtung Linden gebaut wurde. Manchmal war das an Steigungen im Gelände ziemlich gefährlich und ich dachte so manches Mal, mein Karren kippt mir gleich um. Es ging zum Glück immer gut und irgendwie wussten wir uns sowieso immer zu helfen, egal, in was für Situationen wir auch kamen. Im Improvisieren waren wir Meister. Es blieb uns ja manchmal nichts weiter übrig, denn es fehlte oft an Ersatzteilen zum Instandhalten der landwirtschaftlichen Maschinen. Wir Leute von der MTS und die Grenzer arbeiteten bei der Errichtung des Grenzzaunes Hand in Hand. Das Essen aus der Gulaschkanone der Grenzer wurde auch an uns Arbeiter ausgegeben, nach meinen Erinnerungen das „reinste Gedicht“ und es hat für so manche Strapazen entschädigt.

Ein paar schwache Erinnerungen habe ich auch heute noch an die Baracken der Russen am Fuße des Straufhain. Die wurden dann aber irgendwann abgerissen. Wann genau das war, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Es wurde dann die Grenzkompanie Holzberg, Richtung Steinfeld erbaut (später kam dort die ZBO = Zwischenbetriebliche Bauorganisation unter), danach die Grenzkompanie am Ortseingang  Streufdorf von Simmershausen kommend (heute sind darin asylsuchende Menschen untergebracht).

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Das Foto stammt aus dem Jahr 1957 und zeigt den Zetor, den ich damals fuhr. Allerdings arbeitete ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in der MTS, sondern als Kraftfahrer im VEB Kraftverkehr Hildburghausen, wo ich viele Jahre tätig war.  

Diese Geschichte habe ich nach den Erinnerungen eines Zeitzeugen aufgeschrieben. Für die interessanten Informationen bedanke ich mich sehr herzlich.

Dezember 1989

Meine Bekanntschaft aus dem Bulgarienurlaub im Sommer, Elke, kam seit unserem Kennenlernen nun des Öfteren mit ihrem Trabbi aus Ronneburg zu mir gefahren, denn neuerdings war ja das Leben bei uns im ehemaligen Sperrgebiet viel spannender geworden. Noch vor ein paar Monaten guckten wir in Bulgarien voller Sehnsucht über die Grenze nach Griechenland (immerhin konnten wir danach erzählen, Griechenland gesehen zu haben, wenn auch aus der Entfernung heraus) und plötzlich war der „Eiserne Vorhang“ weg. Es tat sich was an der in unseren Köpfen immer noch existierenden, aber zunehmend durchlässiger werdenden Grenze. Langsam hatte man sich im anliegenden Bayern daran gewöhnt, dass am Wochenende die Ossis in Scharen angeströmt kamen, um mit ihren Trabbies die Luft zu verpesten und das Nachtleben zu erkunden. Die erste Zeit war ich ab und zu in Bad Königshofen in einer Discothek, später sind wir bis nach Frohnlach und in andere Orte gefahren. Es war eine aufregende Zeit, wir „eroberten“ sozusagen Stück für Stück den Westen.

Umgekehrt kamen die Wessis rüber zu uns. Am Anfang lief das alles noch mit Ausweiskontrolle an den Grenzübergängen ab, was mir immer etwas Unbehagen bereitete. Wenn wir nach Bad Königshofen wollten, mussten wir erst nach Eicha fahren und dann rüber nach Trappstadt. Die Straße, die heute von Linden aus um Trappstadt herum, durch Eyershausen nach Bad Königshofen führt, die gab es damals ja noch nicht. Zirka 500 Meter nach Eicha war der inzwischen offene Grenzübergang.

Die ersten Male war es total aufregend, so wie alles Neue einen gewissen Reiz hat. Das legte sich dann aber mit der Zeit. Auch in der Diskothek war alles etwas anders. Ich war ständig am Zweifeln, ob ich die richtigen Sachen anhatte. Irgendwie kam ich mir total altmodisch vor: meine Klamotten, die Frisur, die Schuhe, wie ich tanzte. Die Getränkepreise waren für uns erschreckend hoch und die exotischen Namen mancher Getränke, die auf der Tafel hinter der Bar angeschrieben standen, verwirrten mich. Also fragte ich, ob es denn auch Orangensaft gibt. (wir waren immer noch gewohnt zu fragen: „Haben sie …?“ oder „Gibt es ..?“) Der Barkeeper verstand mich nicht, weil die Musik so laut war. Also wiederholte ich meine Frage etwas lauter. Er zurück: „O-Saft?“ Ich: “Nein, Orangensaft.“ Er: „Naja, sag ich doch, O-Saft.“ Ich: „Äh, ach so! Ja, O-Saft, na klar.“ Muss man ja erstmal wissen, ne? Es war mir sowas von peinlich, weil die Leute neben mir so guckten wie: Ach je, die Ossis hatten nicht mal O-Saft! Doch! Es gab Apfelsinensaft, manchmal zumindest.

Eines nachts auf der Rückfahrt nachhause, mussten wir an der Kontrollstelle zwischen Trappstadt und Eicha wieder zur Ausweiskontrolle anhalten. Wir kramten gerade unsere Ausweise aus den Taschen, da kam aus der Gegenrichtung ebenfalls ein Auto mit jungen Leuten gefahren. Wessis. Sie mussten ebenfalls anhalten und ihre Ausweise suchen. Sie waren sehr lustig drauf und wir kamen ins Gespräch. Es war nicht viel los um diese Uhrzeit und keiner der Kontrollposten sagte etwas, als wir aus unseren Autos ausstiegen und das jeweils andere Fahrzeug anguckten. Elke war total begeistert von den vielen Lichtern auf dem Armaturenbrett, die ihrer Meinung nach leuchteten wie ein Christbaum. Sie hat sich gar nicht wieder eingekriegt vor Begeisterung. Bei ihr im Trabbi leuchtete nicht wirklich viel. Die Leute waren aus Königshofen und kamen von einer Disco in Meiningen. Das fanden wir lustig. Wir waren „drüben“ in der Disco und sie waren auch „drüben“ – für jeden von uns war es von seiner Seite aus gesehen „drüben“. Die Kontrollposten standen ein bisschen verunsichert herum, ließen uns aber gewähren und sagten nichts. Was hätten sie auch sagen oder machen sollen, sie hatten eh in dieser Nacht die A-Karte und unsere zwanglose Unbekümmertheit verunsicherte sie sicherlich. Ich hatte wirklich Mitgefühl mit ihnen, denn wir amüsierten uns und sie mussten in dieser kalten Nacht ihren Dienst schieben.

Die Fotos habe ich genau an der Stelle fotografiert, wo wir in dieser Nacht im Dezember 1989 standen, und habe mich an die kleine Episode von damals erinnert.

Kaum zu glauben, dass das schon wieder fast 27 Jahre her ist …

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Straße von Trappstadt Richtung Eicha. Hier war die Ausweiskontrolle.

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Blick nach Trappstadt

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Im Westen geht die Sonne unter

Schüsse in der Nacht

Es war Anfang der 1980er, Sommer, Semesterferien.

Die Nacht war schon angebrochen und ich lag bei offenem Fenster im Bett. Irgendwo lief noch ein Fernsehgerät. Ich versuchte ein paar Wortfetzen aufzuschnappen und daran die Sendung zu erkennen. Es gelang mir nicht. Dann muss ich eingeschlafen sein.

Ich wachte auf, weil es mehrmals laut knallte. Der Wecker zeigte an, dass ich noch nicht sehr lange geschlafen hatte. Zuerst dachte ich, dass es ein Traum gewesen wäre. Dann knallte es wieder, mehrmals hintereinander und mir wurde bewusst, dass es Schüsse waren. Ich sprang aus dem Bett und schaute zum Fenster raus. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Was war passiert? Ging es jetzt los? Nur was genau sollte los gehen?

Man hat uns immer eingeimpft, dass unsere Staatsgrenze vor dem „imperialistischen Klassenfeind“ geschützt werden muss. Die Grenze war nicht weit. Wurden wir angegriffen? Was gab es denn bei uns schon zu holen? Oje, sowas durfte man nicht denken, schon gar nicht, wenn man wie ich auf Kosten des Staates studierte.

Plötzlich begann ein Maschinengewehr zu rattern. Bisher hatte ich dieses Geräusch nur in Filmen gehört. Es hörte sich viel schlimmer an. Furchtbare Bilder aus Kriegsfilmen kamen mir in den Sinn. Ich war unfähig mich zu bewegen. Meine Beine waren wie Gummi. Auch in anderen Häusern in der Straße sah ich nun ein paar Köpfe in den Fenstern, die dann wieder verschwanden. Warum kommen meine Eltern nicht hoch und beschützen mich? Ich hatte solche Angst, fühlte mich hilflos und verwirrt. Die Schüsse, das Maschinengewehr – oder waren es mehrere? – sie waren höchstens ein paar Kilometer entfernt, vermutete ich. Obwohl man sich in der Nacht leicht täuschen kann. Ich glaubte Lichtblitze am Himmel zu sehen. War mir aber nicht sicher. Überhaupt fühlte ich mich nicht mehr sicher.

Ich würde nie hier wohnen bleiben, wenn ich mal Familie und Kinder habe. Die Nähe zur Grenze – das könnte ich ihnen nicht antun. Ewig eingeschränkt durch das Sperrgebiet, immer Militär in der Nähe und dann noch solche nächtlichen, Angst einflößenden Ereignisse! Und keiner sagt einem, was los ist!

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit für mich, dann war mit einem Mal alles wieder ruhig. Als ob nichts gewesen wäre. Es erschien mir unmöglich, mich vom Fenster weg zu bewegen. Ich wusste nicht, ob mich meine Beine getragen hätten. Erst jetzt merkte ich, dass sich meine Finger so fest um das Fensterbrett gekrallt hatten, dass es weh tat. Mein Herz schlug immer noch wie wild und ich glaubte das Blut in meinen Ohren rauschen zu hören. Was auch immer das war, es hatte mir den Schlaf für diese Nacht geraubt.

Am nächsten Tag erfuhr ich, dass es eine Übung war in einem Dorf in der Nähe, Friedenthal, Übungsgelände für die Zivilverteidigung der ehemaligen DDR und wer weiß, wer dort noch geübt hat, nachdem die Einwohner umgesiedelt wurden.

Für mich war diese Nacht ein traumatisches Erlebnis. Sie hat mir noch Jahre danach Albträume beschert.

Heute, am Tag der Deutschen Einheit, musste ich wieder daran denken. Wenn der Schützenverein Hildburghausen beim Umzug zum Theresienfest Böllerschüsse abgibt, dann habe ich längst keine Gänsehaut mehr, weil die Erinnerungen hoch kommen, höchstens Ohrenschmerzen von dem Krach der Schüsse.

 

Sie nannten ihn Heino

Er kann Geschichten erzählen. Viele Geschichten. Würde er ein Buch schreiben, so hätte es viele Seiten. Hätte er alle Fotos von damals noch … Aber er durfte sie natürlich nicht behalten. Er musste alle abgeben. Sicher wurden sie alle vernichtet, als er 1974 nach zehn Jahren Dienstzeit in ein Leben ohne Befehle, Grenzstreife, Uniform, Waffe und all dem,  was zu seinem bisherigen Alltag gehörte,  zurück ging.

Sie hatten ihn Heino genannt, die vom BGS auf der anderen Seite der ehemaligen Staatsgrenze. Kein Wunder – die Haare semmelblond, seitlich gescheitelt, markante Gesichtszüge, schlank, die dunkle Sonnenbrille – unverkennbar die Ähnlichkeit, da hat man schnell seinen Spitznamen weg. Wenn er mit seiner Kamera an der Grenze unterwegs war zwischen Holzhausen und Eishausen, dann wussten drüben alle bescheid: Aha, der Heino hat wieder Dienst. Nach so vielen Dienstjahren kannte man sich vom Gesicht her. Da flog auch mal eine Schachtel Zigaretten über´n Zaun oder ein paar Worte wurden gewechselt. Jetzt darf man das ja schreiben.

Einmal fragte einer von drüben: „Na? Heut wird wohl nicht fotografiert?“ Heino antwortete: „Nö, heut nicht. Gibt keine Filme.“ Tja, die üblichen Engpässe in der sozialistischen Planwirtschaft …

Irgendwann landete mal ein Hubschrauber auf der anderen Seite. Ein General war an Bord und begrüßte „Heino“ persönlich über den Zaun hinweg. Da hatte es sich also tatsächlich bis ins Hauptquartier des BGS herum gesprochen, dass es einen ostdeutschen Heino gab. Es wurden Filmaufnahmen gemacht. Der General sagte zu Heino, dass er am nächsten Tag im ZDF zu sehen wäre. Natürlich wurde am nächsten Tag West-Fernsehen geguckt, aber es kam nichts. Wer weiß, ob es tatsächlich Aufnahmen gab und wenn ja, ob diese überhaupt noch existieren in irgend einem Archiv der Bundeswehr oder des ZDF… Da fällt mir ein, dass ich bei einem Seminar mal einen vom Fernsehen kennen gelernt habe, vielleicht … hm – mal sehen.

1989 wurde die Grenze geöffnet. Angehörige von Heino fuhren von da an gelegentlich am Sonnabendvormittag nach Coburg. Den Opa, Heino´s Vater, nahmen sie immer mit in den „Westen“ und setzen ihn so lange im Gasthaus „Alter Fritz“ ab. Er brauche sich das alles nicht mehr anzugucken, wie er meinte, schließlich wäre er oft genug „drüben“ gewesen während seines Rentendaseins und „kenne sich aus“, er wolle lieber in der Wirtschaft sitzen und ein bisschen mit den Leuten rumlabern. Das tat er dann auch und wurde beizeiten an einem Stammtisch integriert, wo er erstmal im Mittelpunkt des Interesses stand. Er lud dann auch mal einen Herrn mit seiner Frau zu sich nachhause ein, eine Freundschaft bahnte sich an. Das Ehepaar kam dann gelegentlich zu Besuch und wurde schließlich sogar zum 50. Geburtstag des Schwiegersohnes eingeladen, zu dem natürlich auch Heino mit Familie eingeladen war.

Wie das Leben manchmal so spielt, saßen sich der Heino und der Herr vom Stammtisch aus dem Gasthaus „Alter Fritz“  in Coburg an der festlich gedeckten Kaffeetafel in der guten Stube zufällig gegenüber. Sie guckten sich an. Sie guckten sich sehr genau an. Ein Erkennen spiegelte sich gleichzeitig auf ihren Gesichtern wider. Sie konnten es fast nicht glauben: „Du bist doch der Heino!“ sagte der Herr vom Stammtisch, der ehemals beim BGS war. „Und ich kenn dich auch!“ sagte der Heino. Und dann wurde erstmal einer darauf getrunken.

Zufälle gibt es!

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Daumen im Wind

Als Jugendliche und junge Erwachsene hatte ich keine S 50 und kein Auto. Letzteres sowieso nicht, nicht mal eine Anmeldung für einen Trabi hatte ich – schäm! Es fuhren ja genug Busse und Züge, fand ich. Aber ich hatte meinen „Tramper-Pass“ – so nannten wir damals die „Unfallversicherung für Mitfahrer in Kraftfahrzeugen als Anhalter“ – für alle Fälle.

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Und diese Fälle waren öfter. Entweder, weil ich wieder mal einen Anschluss nicht erreicht hatte oder die Deutsche Reichsbahn bzw. die Busse vom VEB Kraftverkehr nicht dorthin fuhren, wo ich grade hin wollte. Dann stellte ich mich an den Straßenrand, manchmal allein, manchmal mit einer Freundin und wir hielten den Daumen in den Wind. Es funktionierte immer und war meistens auch recht lustig.

Wenn ich an so manche Fahrten denke … einmal habe ich von unserer Bezirksstadt Suhl bis nachhause, das sind nur ca. 36 Kilometer, tatsächlich 5 Fahrzeuge gebraucht! Ein B 1000 nahm mich bis Erlau mit. Es waren zwei Männer, die für Kinder in einem Ferienlager Verpflegung besorgt hatten. Weiß ich noch ganz genau, die waren total lustig drauf. Die beiden saßen auf den vorderen beiden Sitzen, hinten waren keine Sitze drin – lach, nur Getränkekisten und Kartons mit Essen und dazwischen saß ich auf dem Boden. Weiter ging es von Erlau bis Schleusingen, von Schleusingen bis Hildburghausen, von Hibu bis Leimrieth und der letzte Fahrer wollte eigentlich nach Römhild fahren, erbarmte sich aber und fuhr extra den Umweg über unser Dorf. Ich kam immerhin eine gute Stunde vor dem Bus an, die Sonnabend-Mittag-Suppe war noch warm und es hat mich keine müde Mark gekostet.

Ein anderes Mal wollte ich mit Fexen, meiner Schulfreundin, von der Kreisstadt nachhause zu einer Zeit, wo halt grad kein Bus fuhr. Am Ortsausgang stellten wir uns hin und naja, übliche Prozedur, Daumen hoch und so. Es hielt auch gleich ein Auto, wir machten die Tür auf und drin saß … unser Schuldirektor! Wir wussten nicht so recht, wie wir reagieren sollten, grüßten erst mal höflich und fragten anstandshalber, ob wir denn mitfahren dürften. Er meinte, sonst hätte er ja nicht angehalten. Da war die Sache für uns geritzt und wir hatten es wieder mal geschafft.

Während meiner Fachschulzeit fuhr ich immer Sonntagabend los Richtung Schmalkalden, weil ich sonst Montag früh um 5:00 in der Kreisstadt den Zug hätte nehmen müssen, aber um diese Zeit noch kein Bus dorthin fuhr. Sonntag fuhr der Zug allerdings nur bis Wernshausen, dann war Pumpe. Ich musste aber weiter bis nach Schmalkalden. Jede Woche das gleiche Dilemma – es gab keinen Anschlusszug und auch kein Bus fuhr nach Schmalkalden. Also liefen wir (meistens waren wir zu dritt oder zu viert, alles angehende Kindergärtnerinnen) über die Zwick und probierten unser Glück mit dem Daumen. Fortuna war uns immer hold, und das, obwohl wir ein Haufen „Marschgepäck“ mit uns führten: Reisetasche bzw. Rucksack, Schulbücher und jeder seine Gitarre, denn am Wochenende wurde auch zuhause gelernt und geübt. Abenteuerlich war es in der dunklen Jahreszeit, da sahen wir nur die Lichter, aber nicht, WAS für Fahrzeuge ankamen . Einmal hielt die Polizei an und hat uns „aufgesammelt“. Och, waren die freundlich, wir haben alle in das Auto rein gepasst und sie haben uns tatsächlich bis vor unsere Internatstür gefahren. Wir waren drauf und dran, mit ihnen einen Deal für den nächsten Sonntag und alle darauffolgenden aus zu machen, haben uns dann aber doch nicht getraut.

In den Semesterferien bin ich mal durch die Thüringische Rhön getrampt, ach, das war auch schön. Morgens noch nicht wissen, wo man abends landet, bleiben, wo es einem gefällt – das war genau das Richtige für mich.

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Am Wochenende war immer irgendwo Tanz. Als wir mal nachts nach dem Tanz heim gelaufen sind (das haben damals fast alle so gemacht, waren ja nur knappe 6 Kilometer), hörten wir in der Ferne ein Motorengeräusch. Die Füße haben uns vom vielen Tanzen wehgetan, wir waren müde und sehnten uns nach dem Bett. Wir hofften, das Auto würde an der Abzweigung nicht in Richtung Römhild fahren und blieben lauschend mitten auf der Straße stehen. Wer „wir“ war, weiß ich nicht mehr, mit mir auf jeden Fall so etwa sechs bis acht Jugendliche aus unserem Dorf. Das Auto bog nicht ab. Wir jubelten und machten uns bereit (Übrigens hatten wir in einer anderen Nacht schon mal getestet, dass in einen 12er Wartburg notfalls 13 Leute rein passen, wenn man es geschickt anstellt und den Kofferraum mit nutzt. Man sollte sich aber sicher sein, dass die Volkspolizei nicht irgendwo stand und kontrollierte – oh oh – oder vorher die Nummernschilder runter machen und schneller sein, als die VOPOS – lach). Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, also: Als das Auto näher kam, dem Geräusch nach musste es ein größeres Auto sein, sehen konnten wir es in der stockdunklen Nacht ja nicht, winkten wir und hüpften auf der Straße herum, der Fahrer musste einfach anhalten, was wollte er auch anderes tun bei so einer wild gewordenen Horde – lach. Wir hatten großes Glück: Es war ein W 50 und wir passten alle hinten drauf. Um diese Zeit ein Auto zum Mitfahren zu kriegen, das war schon ein kleines Wunder. Wir erfuhren dann, dass in der Stadt ein Güterzug angekommen war und der Fahrer (übrigens aus unserem Dorf kommend) Bereitschaft beim WTB (= Waren des täglichen Bedarfs) hatte und zum Entladen an den Bahnhof musste. Es war so ca. 1:30 Uhr, als er Feierabend hatte und sich auch auf sein Bett freute. Dann hat er uns aufgegabelt und mitgenommen, wer lässt denn auch Leute aus dem eigenen Dorf stehen! Was für ein netter Mensch! Mit diesem netten Menschen bin ich übrigens verheiratet – das hat sich aber erst Jahre später ergeben und ist eine ganz andere Geschichte – grins.

Einmal war ich mit meinem Freund unterwegs. Wir wollten spontan eine Woche irgendwo zelten, alles war gepackt, wir wussten nur noch nicht wohin. Also haben wir früh morgens den Atlas aufgeschlagen und ich hab mit geschlossenen Augen reingetippt, mein Finger landete in der Nähe von Eisleben. Wir fanden sogar einen See in der Nähe, also stand unser Ziel fest: Süßer See. Erst fuhren wir mit dem Bus, dann mit dem Zug, das letzte Stück bis zum Ziel mussten wir trampen. Wenn ich daran denke, muss ich jedes Mal laut lachen. Mein Turnschuh ging unterwegs auf und als ich mich zum Zubinden mit dem schweren Rucksack, Schlafsack oben drauf usw. bückte, kriegte ich irgendwie das Übergewicht und kippte kopfüber die Böschung hinunter. Eine lehrreiche Erfahrung – lach. Hat nicht wehgetan. Doch, hat. Der Bauch hat mir wehgetan. Und wie! Vom vielen Lachen hinterher. Auf jeden Fall kam dann ein Auto, das uns mitnahm bis zum Zeltplatz. Der Fahrer war gut drauf. Sehr gut. Er war nicht allein. Er hatte einen sitzen, aber was für einen! Leider merkten wir das erst, als wir schon drin saßen. Wir waren heilfroh, als wir diese Fahrt hinter uns hatten.

In den ganzen Jahren, die ich per Anhalter gefahren bin, hat mich nie jemand danach gefragt, ob ich versichert bin oder nicht. Man ist halt einfach immer mitgenommen worden ohne große Fragen und ehrlich gesagt habe ich mir nie einen Kopf um meine Sicherheit gemacht. Auch ich habe immer Leute mitgenommen, die an der Straße standen, weil ich weiß, wie es ist, wenn man an der Straße steht und die Autos einfach vorbei fahren. Das letzte Mal, als ich jemanden mitnahm, ist noch gar nicht so lange her – ein Tramper, der in Rodach stand und nach Coburg zum Zug wollte. Er hätte mein Sohn sein können und ich hatte ein gutes Gefühl. Was hat er sich gefreut!

Und neulich in Berlin – da stand eine an der Straße am ZOB, höchstens 20 Jahre alt, mit ihrem selbst gemalten Schild „Leipzig“ und die Autos fuhren vorbei … Ich hoffte, sie hatte noch Glück.

Was trägt MANN darunter?

Wer stellt denn solche Fragen? Na ich! Darüber habe ich mir tatsächlich mal schwer den Kopf zerbrochen, allerdings in einer Notsituation, die mir heute zurückblickend eher tragikomisch erscheint. Aber besser, ich beginne von vorne:

Ein Sonnabend im Sommer 1977. Papa und Opa hatten im Laufe der Woche die Küche ausgeräumt, den alten Bretterfußboden heraus gerissen und tief genug ausgeschachtet, um an diesem Tag alles mit Beton aufzufüllen. Ich, damals 7. Klasse, bin zur Hausfrau erklärt worden und war für das Kochen des Mittagessens verantwortlich, denn Mutti lag wegen ihres Kreuzes im Krankenhaus.

Die Arbeiten gingen zügig voran, gut die Hälfte der Küche war schon betoniert. Opa bediente die Mischmaschine im Hof. Mit der Schubkarre wurde Ladung für Ladung der fertigen Mischung ins Haus transportiert. Papa hatte dazu eine Holzbohle über die Treppenstufen am Hintereingang gelegt. Er plagte sich sehr und schwitze. Die meisten Arbeiten am und im Haus wurden von meinen Eltern in Eigenregie an den Wochenenden oder nach Feierabend gemacht. Handwerker holten wir uns nur in besonderen Fällen und wenn, dann in Schwarzarbeit.

Ich bemerkte irgendwann, dass es Papa immer schwerer fiel, die Schubkarre zu schieben. Er stöhnte und klagte über Bauchschmerzen. Aber es wurde weiter gearbeitet, schließlich konnte die angefangene Arbeit jetzt nicht liegen bleiben, meinte er jedenfalls.

Gerade als das letzte Eckchen fertig war, ging nichts mehr bei ihm. Er musste sich legen, weil die Schmerzen immer schlimmer wurden. Dreckig, verschwitzt und ohne mein Essen anzurühren hatte er sich auf das saubere Bett gelegt. Eigentlich wollte ich als vorübergehend amtierende Hausfrau gegen so eine Sauerei monieren, verkniff es mir bei seinem leidenden Anblick jedoch. Ihm musste es wirklich hundeelend sein.

Opa reinigte inzwischen die Mischmaschine und Arbeitsgeräte, ich putzte den Fußboden im Flur. Wir überlegten, was wir wegen Papa unternehmen sollten und beschlossen, dass es das Beste ist, die Gemeindeschwester um Rat zu fragen. Das tat ich sofort, sie wohnte nur ein paar Häuser weiter in der Gasse. Die Gemeindeschwester hatte grad keine Zeit und fertigte mich ab mit dem Tipp, Kümmeltee zu kochen und feucht-warme Umschläge auf den Bauch zu legen, das wäre gut gegen Blähungen. Ich zweifelte etwas …

Daheim angekommen bereitete ich zunächst alles für die Umschläge zu und brachte es hoch in die Schlafstube. Danach überlegte ich angestrengt, wie man denn Kümmeltee kocht. Ich hatte den Tauchsieder schon im Schöpftopf hängen, das Wasser begann langsam zu kochen. Sollte ich einfach Kümmelkörner in das kochende Wasser schütten? Und wenn ja – wieviel nimmt man dann? Einen Löffel, eine Hand voll … Keine Ahnung! Egal, Hauptsache es würde helfen. Ich ließ den Tee lange ziehen, es roch ziemlich würzig im Flur. Ich mochte Kümmel schon immer gerne, z.B. an Kümmelkraut (Weißkraut mit Schweinfleisch und Kümmel – lecker!), im Brot oder auch an Bratkartoffeln – nur als Tee??? Igitt!

Ich brachte den etwas abgekühlten Tee dann hoch zu Papa und stellte mit Bestürzen fest, dass er sich inzwischen vor Schmerzen krümmte und dass die feuchtwarmen Umschläge wieder in der Waschschüssel lagen. Sie hatten also nicht geholfen! Er trank etwas Tee, fand ihn zum Kotzen, meinte, ich sollte das Gesöff zum Fenster raus kippen und der Gemeindeschwester sagen, dass sie gefälligst den Doktor anrufen soll, statt ihm so ein Zeug aufzudrehen. Also sprang ich wieder die Gasse hoch und bat die Schwester, den Doktor anzurufen. Sie meinte, dass man wegen Bauchschmerzen nicht gleich den Doktor rufen muss. Aber ich ließ mich nicht abwimmeln und bestand darauf. Sie kannte Papa, er war nie zimperlich, also musste es doch etwas Ernstes sein. Schließlich rief sie an. Ich sprang wieder heim, wo sich Papa inzwischen auf dem Fußboden wälzte. Ich fühlte mich so hilflos und es dauerte ewig, bis der Doktor kam. Der Opa war auch fix und fertig und raufte sich ständig seine paar Haare, war aber genauso ratlos und hatte sichtlich Angst um seinen Schwiegersohn.

Endlich kam der Doktor. Mein erstes Gefühl war Erleichterung. Doch dann schämte ich mich, weil Papa so verschwitzt war und ich nicht dafür gesorgt hatte, dass er sauber war. Ich hätte den Badeofen anschüren sollen, dann hätte er sich baden oder duschen können … Warum bin ich nur nicht darauf gekommen? Ich wurde erstmal vor die Tür geschickt und musste warten.

Es dauerte nicht lange, da kam der Doktor eilig wieder heraus, teilte Opa und mir mit, dass Papa  schnellstens ins Krankenhaus und am Blinddarm operiert werden muss, der vermutlich geplatzt ist. Ich sollte in der Zeit bis zum Eintreffen des Krankenwagens die Sachen für das Krankenhaus packen. Der Doktor ließ sich von seinem Chauffeur zur Gemeindeschwester fahren, um von deren Telefon aus persönlich einen Krankenwagen zu bestellen. Dann kam er wieder und wartete auf das Eintreffen des Krankenwagens.

 Papa hatte sich irgendwie nach unten geschleppt, um sich wenigstens notdürftig zu waschen. Opa war in seiner Nähe und ich stand ganz allein mit der großen Reisetasche vor dem Herrenschrank. Das zweite Gefühl stellte sich ein: Ratlosigkeit. Ich grübelte, was ich einpacken sollte. Erstens hatte ich noch nie vorher alleine eine Tasche packen müssen, zweitens schon gar nicht für´s Krankenhaus und drittens erst recht nicht für einen Mann. Ich kannte Papa mit Hose und Hemd, aber was hat er immer darunter an? Ich wusste es nicht. Da lagen die gerippten Sachen – kurz und lang, weiß und graublau, für obenrum und für untenrum – ordentlich sortiert vor mir im Schrank und stellten mich vor dieses Problem. Mir fiel ein, dass Soldaten immer lange Unterhosen anhaben müssen. Das hatte mal jemand erzählt bei einer Familienfeier. Aber haben die unter der langen Unterhose noch eine kurze an? Wenn nicht, dann bräuchten sie ja sieben lange Unterhosen in der Woche, für jeden Tag eine frische. Oder mussten die etwa ihre Unterhosen mehrere Tage tragen? Pfui! Hat Papa auch immer lange Unterhosen an oder manchmal nur kurze oder eine kurze und darüber eine lange? Wie lange würde er überhaupt im Krankenhaus bleiben müssen? Würden für den Anfang von jeder Sorte erstmal fünf Teile reichen? Fragen, Fragen, Fragen. Mir schwirrte der Kopf. Mit keiner Silbe dachte ich daran, dass man im Krankenhaus eventuell einen Schlafanzug braucht …

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Am Sonnabend, wenn Badetag war, sah ich manchmal flüchtig den Stapel frischer Wäsche, den Mutti für Papa bereit legte. Obendrauf lagen immer die Strümpfe, ganz unten die Hose. Dazwischen lagen die anderen Sachen, die ein Mann halt so drüber oder drunter trägt. Mir graute vor meiner Zukunft als wäschestapelbereitlegende Ehefrau! Nä, daran wollte ich jetzt überhaupt nicht denken. Die Zeit drängte.

Keiner war da, der meine Fragen hätte beantworten können. Opa kam nicht in Frage, das hätte ihn peinlich berührt. Also packte ich kurzerhand von jedem Stapel im Schrank etwas in die Tasche und trug diese runter neben die Haustür. Für alle Fälle legte ich noch zwei Flaschen Bier mit rein. Da würde sich Papa heut Abend nach der OP bestimmt freuen. Zum Glück hatten wir zufällig Flaschenbier da, denn normalerweise holte sich Papa seinen Krug Selbstgebrautes jeden Abend frisch gezapft aus dem Fass in unserem Keller.

Als der Krankenwagen mit Papa weg war, fiel eine richtige Last von mir. Erstmal. Später erfuhren wir, dass es bei Papa allerhöchste Zeit war, er hätte keine ganze Stunde mehr gehabt. Und ich hatte mir so sinnlose Gedanken um seine Klamotten gemacht, wo doch sein Leben an einem seidenen Faden hing!

Dass ich danach ein paar Wochen lang, während beide Eltern im Krankenhaus lagen, den Haushalt, meine kleine Schwester und den Opa versorgen musste, die Küche mitsamt dem Gasherd weiterhin provisorisch im Flur stand, die Wäsche nicht mit Halb- oder Vollautomat sondern mit der einfachen „Schwarzenberg“ und der Schleuder zu bewältigen war und ich nebenbei noch von Montag bis Sonnabend zur Schule musste, daran dachte ich in diesem Moment nicht. Aber letztendlich war alles zu schaffen, nur eine Frage der Organisation. Das habe ich gelernt. Und bei Papa wurde nach langer Zeit und ein paar Komplikationen alles wieder gut.

Wir haben später in der Familie noch oft über diese Zeit geredet und herzhaft über den Inhalt der Reisetasche gelacht. Es war weder ein Schlafanzug drin, noch Bademantel, Rasierzeug, Waschzeug oder Handtuch, dafür zwei Flaschen Bier 😉 Was mögen sich wohl die Krankenschwestern gedacht haben?

Schmunzeln muss ich heute noch, wenn ich daran denke, wie ich mir damals den Kopf darüber zerbrochen habe, was ein Mann wohl untendrunter trägt. Ich habe jedenfalls bis heute nie einem Mann die Wäsche auf einem geordneten Stapel bereit gelegt. Ich fände es auch ziemlich unerotisch. Da lasse ich mich doch lieber von dem DARUNTER überraschen … 😉

Übrigens sind die heutigen Feinrippsachen gar nicht mal so übel

Zwischen altem Krimskrams …

… fand ich doch neulich tatsächlich mein nach der Währungsunion nicht mehr verwendbares Scheckheftchen aus DDR-Zeiten. Wie winzig wie es doch ist. Mir wurde ganz nostalgisch zumute, als ich es in den Händen hielt.

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Heute erledige ich fast alle Einkäufe mit EC-oder Visa-Karte, Vieles auch online. Fast hatte ich vergessen, wie das damals war. Zwei, drei Schecks hatte ich immer bei mir, manchmal auch das ganze Heftchen. Schließlich wusste man nie, was es plötzlich zufällig irgendwo zu kaufen gab, wonach man schon ewig gesucht hat. Da war es wirklich sinnvoll, wenn man sein Scheckheftchen einstecken hatte. Vorausgesetzt natürlich das Konto war gedeckt 😉

Als ich Ende der 70er Jahre mal in Berlin war, hatte ich Glück, dass ich genug Bargeld dabei hatte (als Schülerin hatte ich natürlich noch kein eigenes Konto). In den Ferien hatte ich drei Wochen im Schraubenkombinat, der ESKA, in der Kreisstadt gearbeitet und zusätzlich eine Woche als Ferienhelfer in einem Ferienlager, dadurch war ich ziemlich „flüssig“.

Im Kaufhaus am Alexanderplatz gab es zufällig RG28 und richtig guten Jeansstoff. Was für ein Zufall! Ich fackelte nicht lange und war sehr froh über meine Einkäufe. Noch mehr freute sich meine  Mutter, denn vorher hat sie alles mit der Hand gerührt bzw. das Rühren und Schlagsahne schlagen mir oder meiner Schwester übertragen – die reinste Strafarbeit war das! Nun lag ich ihr außerdem nicht mehr ständig in den Ohren, weil ich keine gescheite Hose hatte – dieser Fall wäre ja nun auch bald erledigt.

Aus dem Stoff hat der Schneider im Dorf mir eine richtig schicke, hautenge Jeanshose genäht und außerdem hat der Stoff noch für eine damals modische  Weste gereicht. Die besitze ich heute noch. Auch wenn ich längst nicht mehr rein passe, habe ich es doch nie übers Herz gebracht, sie wegzuwerfen.

Weste

Die Hose existiert nicht mehr. Irgendwann war sie total zerschlissen – meine einzige Jeanshose – richtig mit Nieten und so, ich war sowas von stolz. Mutti hatte ihre liebe Not damit, sie nach dem Waschen und Schleudern schnell wieder trocken zu kriegen, sonst hatte ich nichts anzuziehen, behauptete ich, denn seit ich sie hatte, trug ich nur noch diese Hose. Sonst hatte ich nur DDR-Niethosen – lach – weil ich immer zu spät in die Jugendmode kam, wenn alles in meiner Größe schon längst ausverkauft war. Pech halt!

Ich kann mich nicht erinnern, dass es EC- oder Kreditkarten gab. Vielleicht habe ich das aber auch nur vergessen. Kurz bevor ich mein erstes eigenes Geld verdiente, eröffnete ich mir ein Konto bei der Sparkasse. Wenn ich Geld gebraucht habe, dann holte ich es mir in der Bank am Schalter ab oder ich bezahlte mit Schecks. Andere Optionen hatte ich nicht.

Ach doch, ich hatte ja noch mein Sparbuch. Allerdings war ich besser im Geld ausgeben, als im Geld anhäufen.

Da fällt mir ein, dass ich noch ein altes Sparbuch meiner Mutter gefunden habe. Es ist aus der Zeit des 2. Weltkrieges und wurde kurz nach ihrer Geburt für sie eröffnet.

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Auf jeder Seite des Sparbuches stehen unten so sinnige Sprüche wie:

Spargeld macht das kaufen leicht. Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert. Ein sparsam Volk – ein starkes Volk. Tag für Tag ein wenig sparen – macht ein Viel in langen Jahren. Wahres Glück liegt allezeit in Arbeit nur und Sparsamkeit. Deutsche Art bewahrt, wer arbeitet und spart.

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Als ich das Sparbuch das erste Mal in den Händen hielt, war ich sehr gerührt und versuchte mir vorzustellen, wie das Leben während der Zeit des 2. Weltkrieges  für meine Oma gewesen sein muss, als Opa an der Front und danach in Gefangenschaft war, als sie fast alleine unsere Landwirtschaft und das Viehzeug zu versorgen hatte, den Haushalt führen, die Kinder aufziehen musste und bestimmt viele Sorgen und Ängste hatte. Trotzdem konnte sie noch etwas für ihre Kinder sparen  … Schade, dass ich sie das alles nicht mehr fragen kann.

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